DIE ZEIT

Treue – schwarz auf weiß

Hierzulande genügt es für einen Demokraten nicht ohne weiteres, Demokrat zu sein. Er muß schon „auf dem Boden des Grundgesetzes stehen“.

Nixon in Not

Ein Gespenst geht um im Weißen Haus: das Gespenst von Dünkirchen. Wie 1940, als Frankreich binnen weniger Wochen zusammenbrach, die Soldaten des britischen Expeditionskorps nur ihre Haut zu retten vermochten, so stellen sich die noch in Südvietnam verbliebenen 64 000 Amerikaner auf die Eventualität eines überstürzten Rückzuges ein.

Fehlgeschlagen

Staatspräsident Pompidou hat sich während seines Besuches bei Frankreichs „kleinem Verwandten“, in Luxemburg, als überzeugter Europäer hören lassen.

Durchbruch im Mai?

Zum erstenmal werden Vertreter der DDR noch in diesem Monat vor einem Forum der Vereinten Nationen sprechen. In der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollen sie ihren Aufnahmeantrag selber verfechten dürfen.

Neues Feldgeschrei nützt niemandem

Es war eine Hängepartie bis zuletzt. Niemand Evermochte am Montag zu sagen, was der Mittwoch bringen werde: die Ratifizierung des Moskauer und des Warschauer Vertrages, einen innen- und außenpolitischen Scherbenhaufen nach mißglückter Verabschiedung, gar die Vertrauensfrage des Kanzlers – oder bloß neuerliche Verschiebung, Verschleppung.

Gruppenbild der Krisenmanager

Nie zuvor hat eine Krise die Bonner Topographie so rasch und so gründlich verändert. Das halbe Tausend der Parlamentarier sah sich zum „Gammeldienst“ in Fraktionssitzungen und Beschäftigungstherapie in Plenarversammlungen verurteilt, die Heerschar der Ministerialbürokraten arbeitete in die Schublade.

„Auf geht‘s, pack mas“

Jetzt wird alles anders“, freute sich ein älterer Genosse aus dem fränkischen Wunsiedel und blickte zuversichtlich zu Hans-Jochen Vogel, der sich ans Ende der langen Schlange vor dem Organisationsbüro einreihte: „Der Hans-Jochen hat sich noch nie vorgedrängelt, aber jetzt muß er an die Spitze, weil’s wahr ist.

ZEITSPIEGEL

Ein schwerer Verkehrsunfall, von einem fast blinden Fahrer verursacht, brachte der neapolitanischen Polizei bittere Erkenntnis: In der süditalienischen Stadt kommen täglich Menschen im Verkehr ums Leben, weil viele Führerscheinbesitzer nicht fahren können – sei es, weil sie niemals eine Fahrstunde absolviert haben oder weil sie auf Grund körperlicher Gebrechen fahruntüchtig sind.

In Adenauers Fußstapfen

Am Anfang waren Konrad Adenauer und seine unbedingte Westpolitik. Nach Adenauers Sieg über Jakob Kaiser und dem Rücktritt Gustav Heinemanns gab es in der Christlich Demokratischen Union keinen Mann und kein Programm mehr, die den Kurs des ersten Kanzlers verändern oder gefährden konnten.

Notifizierung an Moskau - aber wie?

Die Regierung unterzeichnet einen völkerrechtlichen Vertrag die gesetzgebende Körperschaft beschließt das Zustimmungsgesetz und gibt dazu eine Erklärung ab: Das ist zwar ein nicht alltäglicher, aber auch kein ganz ungewöhnlicher Vorgang.

Persilscheine für die Geschichte

Der Bundestag hat schon viele Resolutionen, schon manche gemeinsame Entschließung beraten – aber noch keine ist unter solchen Schmerzen ans Licht der Welt gezerrt worden wie die Entschließung zu den Ostverträgen.

Konsens der Kontrahenten: Gemeinsame Außenpolitik?

Im außenpolitischen Entscheidungsprozeß der Vereinigten Staaten haben seit den vierziger Jahren Theorie und Praxis der bipartisan foreign policy eine große Rolle gespielt: eine Außenpolitik, die in ihren grundlegenden politischen Zielvorstellungen von der Mehrheit beider großer Parteien getragen wird und nach Möglichkeit nicht zum Gegenstand parteipolitischer Polemiken gemacht werden soll.

Heath im Clinch

In der Kraftprobe zwischen der britischen Regierung und den Gewerkschaften macht sich auf beiden Seiten Erschöpfung breit. Die Fronten sind zu zahlreich, die Ziele zu weit gesteckt und der Überdruß der Nation ist nicht mehr zu übersehen.

Alles beim alten

Erleichtert, wenn auch von ihren Alpträumen und Verlegenheiten keineswegs befreit, durften Italiens Demokraten in der Nacht zum Dienstag aufatmen.

Nach dem mißlungenen Referendum – Wer ist wie stark in Frankreich?: Des Generals Zeche

Mehr als zwei Millionen Franzosen haben kürzlich bei dem Referendum ein offenbar absichtlich ungültiges Votum abgegeben. Fünf Millionen sagten „Nein“, und 10,6 Millionen haben den Präsidenten der Republik ermächtigt, den Vertrag zum Eintritt Großbritanniens in den Gemeinsamen Markt zu ratifizieren – eine Erlaubnis, die er mühelos auch ohne Referendum von drei Vierteln der Abgeordneten hätte erhalten können.

Rumänisches Rendezvous

In Zeiten von Spannungen, die zum Krieg führen können, haben selbst Randereignisse ihr Gewicht; wenn sie ein neues Klima schaffen, zählen sie sogar doppelt.

Kränze aus Moskau

In der Sowjetunion werden wieder die Zitate Mao Tse-tungs gelesen – allerdings nicht aus der von Peking verbreiteten Roten Bibel, sondern aus einem von der sowjetischen Nachrichtenagentur Novosti in hunderttausend Exemplaren herausgegebenen Büchlein mit dem Titel „Worüber man in Peking schweigt“.

Riemer dämpft an allen Fronten

Schmeißt ihn raus“, ist inzwischen eine hundertfache Forderung junger und alter Mitglieder des FDP-Landesverbandes, zu dessen 18 000 eingeschriebenen Anhängern nach wie vor Gerhard Kienbaum zählt.

Affentheater

Wenn erst die Affen auf der Weender Straße spazieren...“ – solche mehr von Emotionen getragenen Widersprüche zählen kaum in der Reihe wissenschaftlich begründeter Ablehnungen eines Planes, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit 1969 betreibt.

Dennoch

Wilhelmshaven sucht etwas, was es vor Jahrzehnten verloren hat: Image. Während andere Städte bei ihren gleichgearteten Aktionen bezahlte Fährtensucher in Form von Werbeagenturen ansetzen können, ist die Stadt an der Jade auf die Do-it-yourself-Methode angewiesen: Die Stadtkasse ist leer wie ein kaltes Buffet kurz nach seiner Freigabe auf einem Marineball.

Blick in die Glotze

Es ist juristisch nicht zu bestreiten, daß Grundrechte auch im Gefängnis gelten. Untersuchungshäftlinge sind Bürger, die bis zur rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig gelten und daher nach Möglichkeit auch so zu behandeln sind.

Es grünt so grün

Hamburg wird umweltfreundlich: Die Hanseaten starten eine Millionen-Aktion für ihren Baumbestand

Dokumente der ZEIT

„Seit mehr als zehn Jahren hat der Propagandaapparat in China die sowjetische Kommunistische Partei und Regierung unaufhörlich verleumdet und versucht, das Volk die mehrere Jahrzehnte alte traditionelle brüderliche Freundschaft zwischen dem sowjetischen und dem chinesischen Volk vergessen zu lassen.

Krisenherde der Woche

Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir besuchte Rumänien. Es war ihre erste offizielle Reise in ein von Kommunisten regiertes Land.

Italien: Gewinn der Mitte

Bei den italienischen Parlamentswahlen, die am Montag zu Ende gingen, zeichneten sich am Dienstag morgen Erfolge für die Christlichen Demokraten und die Kommunisten ab.

Minen vor Haiphong

Der amerikanische Präsident Nixon hat am Dienstag verkündet, die USA würden als Antwort auf die Verschärfung des Krieges durch Hanoi die Häfen Nordvietnams vereinen.

US-Vorwahlen: McGovern führt

In den vier amerikanischen Bundesstaaten Alabama, Indiana, Ohio und North Carolina sowie in der Bundeshauptstadt Washington fanden in der vergangenen Woche Vorwahlen für die Aufstellung der Präsidentschaftskandidat ten statt: Während bei den Republikanern Präsident Nixon weiter mit großem Vorsprung in Führung blieb, ging das Rennen zwischen den Senatoren McGovern und Humphrey sowie dem rechtsgerichteten Gouverneur Wallace beiden Demokraten weiter.

EWG-Beitritt: Erfolg für Heath

Die britische Regierung hat Mitte vergangener Woche eine weitere wichtige Hürde auf dem Weg in die EWG genommen. Das Unterhaus stimmte für die Einführung der „Guillotine“ (Redezeitbeschränkung) und Verkürzung der Ausschußberatungen auf zwölf Tage.

Schweden: Streit um Steuern

Schwedens sozialdemokratische Minderheitsregierung unter Ministerpräsident Olof Palme ist in Gefahr, über Steuern und Preise, zu stürzen.

Kolumbien: Sieg der Liberalen

Die Wahlen zu den Gemeinderäten und Provinzparlamenten Kolumbiens – allgemein als Testfall für die Präsidentschaftswahlen 1974 angesehen – endeten mit einer Überraschung: Rojas Pinilla, Diktator von 1953 bis 1957, und seine „Nationale Volksallianz“ (ANAPO) verloren 850 000 Stimmen und büßten damit die Mehrheit in allen Parlamenten und 400 Gemeinderäten ein.

SALT: Vor der Einigung?

Die siebte Runde der sowjetisch-amerikanischen Gespräche über eine Begrenzung strategischer Waffen (SALT) hat offenbar Erfolge gebracht.

Pausenlose Debatte in Bonn

Am Dienstag morgen, wenige Stunden vor dem geplanten Beginn der Ostdebatte war noch keine Entscheidung über eine gemeinsame Entschließung, von Opposition und Koalition gefallen.

Numerus clausus

Als der Parlamentarische Rat am 4. Dezember 1948 über das Grundgesetz und die dort zu verankernde Berufsfreiheit beriet, meldete sich Carlo Schmid zu Wort.

Rätselhafte Popularität

Das Phänomen als bloße Mode abzutun, ist selbst eine bloße Mode und erklärt nichts (es sei denn, man stattet, wie Baudelaire, den Begriff der Mode mit geschichtsphilosophischer Würde aus).

Der Narrheit Landgericht

Er war Maler, Architekt, Galeriedirektor, Druckereibesitzer und Schriftsteller. Er baute ein entzückendes kleines Hoftheater mit vier Bühnen, auf denen simultan gespielt wurde – ein Unikat in der Theatergeschichte des 18.

Notwendiger Nachtrag (2)

Warum Frau Helge Pross Hessens Universitätsgesetz (HUG) zu pessimistisch sieht

Bildende Kunst: Von Nagel zu Nagel

Bis zum Sommer 1970, bis zu seinem Auftritt auf der Biennale in Venedig, hatte Günther Uecker bereits mehr als hundert Tonnen Nägel vernagelt.

In Hochhuths Kreißsaal

was passierte, wenn Schiller und Goethe Humor, satirischen zumal, entwickelten, hat unter anderen Karl Kraus beschrieben, als er die Xenien analysiert und – wer kann’s ihm verdenken? – sie ganz und gar nicht komisch fand.

ZEITMOSAIK

Die Künstler, die heute unseren Luxusklassen dienen, erscheinen mir wie Affen in einem Käfig, die nichts anderes zu tun haben, als sich gegenseitig nach Läusen abzusuchen und das Publikum mit unzüchtigen Vorführungen zu beglücken.

Das Duzen

Japaner, sagt man, haben 23 verschiedene Formen der Anrede, Italiener haben drei, Engländer und Amerikaner haben nur eine...

FILMTIPS

Im Fernsehen: „Die Stafette“ (Ungarn 1970), von András Kovács (ARD 15. Mai). Kovács ist unerbittlich: Mit der gleichen Rigorosität, die ihn seine politischen Themen verfolgen läßt, führt er seinen dem Dokumentarfilm abgewonnenen Stil weiter.

Kunstkalender

„Imagerie populaire“, Kunst-Verschnitt für den kleinen Mann, und „Carteles revolucionarios“, Polit-Kunst zur Aufklärung und / oder Indoktrination eines Volkes, das soeben lesen gelernt hat – eine überraschende Kombination, amüsant, anregend, aufschlußreich.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Die an ihrer Zeit gemessen, überaus modernen Madrigale aus dem siebenten („Concerto“, 1619) und besonders dem achten Buch („Madrigali guerrieri et amorosi“, 1638) gehören zu den aufregendsten Werken Monteverdis.

Bergmannsliebe

Das sogenannte Bullenkloster, ein Wohnheim, für ledige Kumpel, liegt an der Eisenbahnstrecke zwischen Unna und Hamm. Wer es suchen will, wird es finden.

Schlägerei mit Worten

In der „Spiegel“-Ausgabe vom 10. Januar 1972 erschien inmitten von -zig Artikeln, Berichten, Bildern und Anzeigen ein Aufsatz, dem eine explosive Wirkung durchaus nicht anzumerken war.

KRITIK IN KÜRZE

Peter Ustinow: „Ustinovitäten“ – ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Carl Brinitzer. – Daß Peter Ustinov bei seiner Taufe unter etlichen anderen auch den Vornamen „Horst“ eingeheimst hat, wird viele seiner Freunde verblüffen.

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