Die Wende soll im Herbst 1973 mit der Vorstellung des ersten nach Leidings Rezept konstruierten Volkswagens eingeleitet werden. An Leidings neuem Typenprogramm hängen alle Hoffnungen Wolfsburgs – mit den Neulingen sollen die Produktionskosten spürbar gesenkt und gleichzeitig die Verkaufszahlen wieder gesteigert werden.

Das Schlüsselwort für das neue Programm heißt Baukastensystem. Im VW-Konzern werden heute mit den Typen Audi, NSU, Ro 80, VW-Käfer, VW 411, VW 1600, K 70 und VW-Porsche acht grundverschiedene Modellreihen gebaut. Diese Vielfalt macht eine kostengünstige Produktion unmöglich. Hier liegt auch einer der Hauptgründe, warum VW durch die Kostensteigerungen der letzten beiden Jahre, die alle anderen deutschen Werke noch verdaut haben, an den Rand der roten Zahlen geraten ist.

Leidings Baukastensystem basiert auf der zum großen Teil unter seiner Regie in Ingolstadt geleisteten Arbeit am Audi-Konzept. Das zukünftige VW-Programm wird im Kern nichts anderes als eine Weiterentwicklung und Auffächerung der Audi-Reihe sein. Der Gewinn: Einzelteile und auch ganze Aggregate für alle Konzernprodukte werden identisch und damit austauschbar, die Produktion kann gestrafft und auf hohe Stückzahlen gebracht werden. Die Konsequenz: Neben dem Käfer und dem Transporter wird vom gegenwärtigen Modellprogramm nicht viel übrigbleiben.

Die vier neuen Baukastenautos werden die Skala, so erklärte Leiding, vom Kleinwagen mit 0,9-Liter-Motor bis zum Mittelklasseauto mit Zwei-Liter-Motor abdecken. Der erste neue Typ startet im Herbst diesen Jahres bei Audi NSU, als „kleiner Audi“ (mit 1,3- und 1,5-Liter-Motor). Im Herbst nächsten Jahres startet der auf der Basis des „kleinen Audi“ weiterentwickelte erste neue VW-Baukastentyp. Der VW-Kleinwagen wird als letzter der Neulinge erst nach 1975 auf den Markt kommen.

Leidings neues Programm verspricht dem Konzern nicht nur zukünftige Einsparungen durch kostengünstige Produktion, es ist auch billiger zu verwirklichen: Lotz hatte bis 1975 Investitionen von 8,6 Milliarden geplant, Leiding will mit 6,8 Milliarden auskommen. „Nur im Zusammenhang mit der Modellpolitik waren diese Kürzungen möglich“ (Leiding).

Neben der Milliardeneinsparung bei den Investitionen nehmen sich Leidings andere Sanierungsmaßnahmen relativ bescheiden aus: Personaleinsparungen in der Produktion (es sollen bereits 6000 Arbeitnehmer entlassen worden sein) und in der Verwaltung. Das innerbetriebliche Vorschlagswesen wurde aktiviert (Leiding ließ in den Werken Plakate aufhängen, die um intensive Mitarbeit werben). Weitere Einsparungen ergeben sich schon jetzt aus der Abstimmung und aus gemeinsamer Teilfertigung mit Audi NSU.

Eine Personallücke im Vorstand füllt der Vorstandschef selbst aus. Nach dem Ausscheiden des Entwicklungsprofessors Werner Holste treibt Leiding zusammen mit Audi-NSU-Konstruktionschef Ludwig Kraus die Entwicklung seiner neuen Modelle selbst voran.