Jesus ist „in“, seine Anhängerschar wächst. Der neue Wind, der da vom Atlantik zu uns herüberweht, ist jedoch so neu nicht. Denn das, was auch hier zur Massenbewegung wird, ist Ausdruck dessen, was jeder Jugendliche einmal durchmacht. A la recherche de l’identité perdue – auf der Suche nach der verlorenen Identität. Sie sind auf der Suche nach der (Heiligen) Familie, nach der tragenden Gemeinschaft, die allemal in Konsumrummel, in Kinderfeindlichkeit, in Neurosen und in Streß erstickt ist und Ersatz gefunden hat in der Fernseh-, Fußball- und Kaufhausgemeinschaft. An Stelle von Personen, von Menschen, sind anonyme Ungeheuer getreten: die Medien, die die Familienüberwachung übernehmen, die Ideen, vom Nationalismus bis zum Kommunismus. Und sie suchen Personen, die diese Ideen verkörpern, mit denen sie sich identifizieren können. So preisen sie also Che, Jesus, Mao und die anderen.

Im Züge der Emanzipation sowohl der Kinder von den Eltern als auch der Frau vom Manne scheinen die meisten Heimweh zu bekommen nach der einst erforderlichen Stärke und der schützenden Hand des Vaters. Diese verzagenden Herzen rufen gern nach dem starken Mann, welchen Ruf zu bereuen wir schon zur Genüge Gelegenheit hatten. Ein anderer Suchweg führt in die Natur. Die Landkommunen in den USA zeugen davon. Leary, Prophet der Hippie- und Drogenbewegung, forderte die totale Einstampfung jeglichen Metalls auf Erden. Eins zeigen alle Wege: es sind Wege zurück, oder sie führen in eine andere Richtung, in die der eingeschlagene Weg vermeintlich weist. Sie bekämpfen die Wirklichkeit, die sich selbst abzusprechen sie aber nicht die geringste Lust haben werden, denn sie wollen sich ja gegen die Wirklichkeit verwirklichen. Unter dem Schlagwort Entfremdung ist das Ziel aller Gegner dieser Wirklichkeit bezeichnet.

Die Wege und Absichten der Massengesellschaft sind dem Menschen fremd geworden, gar die Wege und Absichten des Kapitals, das bedrohlich selbständige und inhumane Richtungen einschlägt – und da der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist, ist er sich selbst fremd geworden. Er versteht seine eigenen Handlungen nicht. Er weiß nicht, was aus seinen Handlungen wird. Und in diesen verworrenen Zeiten treten gern die Propheten auf, die Genies und starken Männer, die in Wirklichkeit nichts mehr sind als verkappte Börsenmakler, Großbankiers und instinktsichere Mammuthändler. Ebenso der Jesus dieser Tage, der in glänzender Weise das Zeug dazu hat, jene angedeuteten Probleme mit einem Schlage zu lösen. Zunächst ist er ein Mensch, das schafft die Möglichkeit eines persönlichen Verhältnisses. Dann läßt sich das Religiositätsbedürfnis koppeln mit dem Wunsch nach einer Rückkehr zur Familie, zur Heimat. Außerdem aber war Christus nicht nur Superstar – das ist zu wenig, um die Beatles zu übertrumpfen –, sondern auch Revolutionär und Prophet. Was aber am wichtigsten ist: er ist der Sohn Gottes, der Erlöser, und in diesem umfassenden Sinn ist er auch der verlorene Familienvater, der sogar, laut einem amerikanischen LP-Umschlag, lange Haare zu tragen erlaubt. Fürwahr, kein Rabenvater!

Jesus ist – weil er den beschriebenen Bedürfnissen das adäquateste Objekt ist – das Hauptinteresse der Ökonomiemänner. Auffällig ist, wenn ein Jesus-Fan seine Erlebnisse schildert, daß diese gewissen Werbesprüchen ähneln: Rein, weiß, leuchtend, strahlend, den ganzen Tag froh, keine Schuldgefühle mehr, glücklich – so, als sei das beste Seelenwaschmittel endlich gefunden.

Spätestens seit Ingeborg Bachmanns „Reklamen“-Gedicht weiß man von der Werbung, daß sie nur Erlöserchen liefert, die die Wäsche säubern, die Körpergeruch beseitigen und Karies stoppen, aber nicht den Erlöser, der mit einem Schlage alle Probleme löst. Gemäß unserer schlechten Vorstellungskraft muß dieser mit allen Hyper- und Supereigenschaften behaftet sein, so daß er in der Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ in kitschiger Manier ein flitterndes, funkelndes Rosenkleid trug, aus dem er mythenhaft wie aus einer Pflanze hervorwuchs. Das zeigt denn auch nur zu deutlich die Erlösungs- und Befreiungsfähigkeit, die der Jesus heutiger Szene zu bieten hat: Weißmacher in gigantischem Format.

Wirkliche Religiosität läßt sich nicht verkaufen. Verkaufen lassen sich nur die Fetische. Solche Massenkulte verhindern die Lösung der anstehenden sozialen Probleme.

Elmar Schenkel, 18 Jahre