Frankfurt

Das Echo der dreifachen Detonation im Frankfurter Hauptquartier des 5. Armeekorps der amerikanischen Streitkräfte am Himmelfahrtstag ist noch nicht verklungen. Wie in Augsburg, München oder Karlsruhe, wo Bundesrichter Wolfgang Buddenberg (60), Hauptermittler des Bundesgerichtshofes gegen die Baader-Meinhof-Gruppe, durch eine Bombe in seinem Wagen getötet werden sollte, machen sich in Frankfurt Angst, Erregung, Nervosität – aber auch Zorn unter der Bevölkerung bemerkbar. Vielen bleibt es unerfindlich, wie die Vietnamdemonstranten auch nach dem Opfer des Frankfurter Anschlags, des Oberstleutnants Paul Bloomquist (39), noch immer auf das Verständnis der Bevölkerung hoffen können. In ihrem am Montag an Frankfurts Polizeipräsident Knut Müller gerichteten Ultimatum, durch das der Allgemeine Studentenausschuß die Genehmigung der Vietnamdemonstration an diesem Freitag erzwingen will ("Wir marschieren auch bei einem Verbot!"), heißt es: "Wir glauben an den Erfolg dieser Aktion, die alle fortschrittlichen Menschen dieser Stadt gegen die Provokation der Polizei zusammenführen wird."

Die "Polizeiprovokation" aber war für diese Linken das Verbot der Frankfurter Demonstration am Freitag, 12. Mai. Knut Müller hatte es zwei Stunden vor Beginn ausgesprochen. Wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Lediglich eine Protestversammlung auf dem Opernplatz war genehmigt worden. In einer eilig einberufenen Pressekonferenz hatten sich am selben Nachmittag auch Jungsozialisten wie Jungdemokraten gegen ihre Teilnahme ausgesprochen. Vor dem Hintergrund des Attentats fürchteten auch sie um eine Verfälschung ihrer politischen Motive.

Dennoch blieb es nicht bei der Versammlung. Vom Opernplatz aus rannte ein "harter Kern" von etwa 200 Jugendlichen los, nach alter Taktik in kleine Gruppen aufgelöst. Zwei Stunden lang spielten sie mit den ihnen verhaßten "Bullen" Katz und Maus, die, aufgeregt, mit zuckenden Blaulichtern, auf Motorrädern oder in Zivilstreifenwagen, dem Ho-Tschi-Minh-schreienden bunten Haufen folgten. Dabei rasten sie auch entgegen den Einbahnstraßen, warteten auf Seitenstraßen wieder auf neue Einsatzbefehle. An der Hauptwache stauten sich kilometerlang die Autoschlangen und Straßenbahnen. Stühle des feudalen Café Kranzler wurden zu Wurfgeschossen; Polizisten schleuderten sie in die jugendliche Menge zurück. Ein Krad wurde umgeworfen, vereinzelt Wasserwerfer eingesetzt.

Die größte Gruppe, darunter nach Beobachterberichten weniger Studenten als vielmehr Rocker, Heimzöglinge, Lehrlinge und Schüler, provozierten jeden, der sich ihnen in den Weg stellte. Am Eschenheimer Turm sprangen sie wie Lebensmüde vor die anfahrenden Wagen.

Kommentare in den Zeitungen, zum Teil recht undifferenziert, verurteilen den Bombenterror, kritisieren an der Polizeiführung deren Schwäche und Nachsicht. "Wie lange noch läßt sich Frankfurt von einigen hundert Linken terrorisieren?", so lautet die latente Frage in einer Pulverfaßatmosphäre. Nur Narren, so glauben viele, könnten noch annehmen, es gebe einen Solidarisierungsprozeß mit der Bevölkerung in Sachen Vietnam. Die Bombe, die im IG-Hochhaus hochging und beinahe zwanzig Menschen in den Tod gerissen hätte, die Bombe auch unter dem Sitz von Bundesrichter Buddenberg – diese Bombe fürchten viele. Niemand ist bereit, das Wort von der "Gewalt gegen Sachen" noch zu akzeptieren. "Warum demonstrieren die gegen den Mord in Vietnam – und morden in der Bundesrepublik?", lauten die Kommentare in Straßenbahnen oder Büros. Amerikanern wird von vorbeiziehenden Jugendlichen entgegengegröhlt: "Heute das US-Casino – morgen das Pentagon!" Man sieht hier eine Solidarisierung mit den Bombenlegern.

Kommunistischer Studentenverband, Sozialistischer Hochschulbund, Rote Zellen Jura, Germanistik und Soziologie, die verschiedenen sozialistischen Arbeitsgruppen und Türkischer wie Iranischer Studentenbund, die an diesem Freitag erneut gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gehen wollen, wirken daher wenig glaubhaft. Ihnen gehe es, so heißt es, nur noch um die Konfrontation mit der Polizei.