Üblicherweise faßt man die letzten drei zusammen, das scheint nicht mehr zu genügen: auf den Schallplattenmarkt gibt es inzwischen dreimal die letzten sechs Mozart-Symphonien. Zweien ist jeweils eine Bonusplatte mit Ausschnitten von der dirigentischen Probenarbeit beigegeben – einer älteren Bruno-Walter-Sammlung bei CBS (77413, 49,– DM) und einer Karajan-Kassette bei Electrola (1C 165-02145-48, 60,– DM).

Bruno Walter verwendete – so lehrt es seine Probenplatte – geraume Zeit darauf, am Beginn der Linzer Symphonie die Pausen herauszuarbeiten. Jeder Musiker müsse zwischen den einzelnen Tönen das Wort "off" sagen können, erst dann haben die Pauken eine volle Viertelnote zu spielen, die Streicher und die Holzbläser hingegen nur eine Achtelnote. Der Rest sei eben Pause, so stehe es in der Partitur.

In Karajans Aufnahme klingt diese Stelle, als hätte Mozart überhaupt keine Pausen notiert. Ein lang gehaltener Ton reiht sich an den anderen. Mehr denn je scheint für Karajan das schöne melodische Kontinuum die höchste musikalische Kategorie zu sein. Zwar animiert er seine Musiker gelegentlich auch zu "ganz rhythmischem" Spiel. Häufiger aber hört man von ihm: "Ganz lang! – Die zwei Langen, die treiben nach der Lange zu! – Legato! – Das Maximum an Legato, daß jede Note sich aus der anderen entwickelt! – Weicher, zu rhythmisch! – Ganz ohne Kern!" Vielfach wünscht Karajan im Sinne seines klanglichen Verschmelzungsstrebens möglichst unauffällige, also unprägnante Einsätze: "Man darf nicht hören, wann’s losgeht!" Fast die ganze Karajansche Ästhetik ist in seiner Anweisung eingeschlossen: "Früh anfangen, lang spielen und im Tempo bleiben!"

Seine neuen Aufnahmen klingen tatsächlich wunderschön. Tönender Samt in den Streichern, tönende Seide in den Holzbläsern. Das Orchester wirkt makellos homogen, das Melos ist denkbar gebunden. Karajan scheut den einzelnen, gewichtigen Affekt.

Aber er gibt der Mozartschen Musik insgesamt einen leicht pauschalierenden Tonfall ins groß Symphonische, als ginge es hier – das ist rein quantitativ gemeint – um Schubert oder um Bruckner. Im Fall der gelegenheitsmusikalischen Linzer Symphonie macht das viel Lärm um relativ wenig.

Zu diesem Opus hat Karajan wohl keine enge Beziehung. Die anderen fünf Symphonien hat er sämtlich schon früher für die Schallplatte dirigiert. Die Linzer ist eine Premiere. Man begegnet ihr auch nicht in Karajans Konzertprogrammen; es handelt sich hier offenbar um eine Konzession an die komplettiersüchtige Kassette. Da klingen sogar die Berliner Philharmoniker bisweilen etwas derb. Und das ungemein behäbige Tempo des Menuetts überfordert die Komposition. Im übrigen tut die recht mulmige, verhallende Aufnahmetechnik der Schallplattenfirma das Ihre, in Orchester keinen nervigen schlanken Ton aufkommen zu lassen.

Im Vergleich zu Karajans früheren Mozart-Einspielungen mit dem Philharmonica Orchestra London und mit den Wiener Philharmonikern, auch zu seiner Uraltaufnahme der G-moll-Symphonie mit dem RAI-Orchester Turin kann man so etwas wie einen Reifestil feststellen.