Von Wolfgang Müller-Haeseler

Noch im vergangenen Jahr sagte Professor Dr. Kurt Herberts seiner Firma, der Wuppertaler Lackfabrik Dr. Kurt Herberts & Co., eine gesicherte Zukunft voraus: „Unsere langfristige Unternehmenspolitik geht von der Eigenständigkeit unserer Gruppe aus, so wie sie heute besteht.“

Ein Jahr später, am Mittwoch letzter Woche, gab der Alleinbesitzer des 1927 gegründeten und zur Zeit größten konzernfreien Unternehmens der deutschen Lackbranche (Jahresumsatz 1971: 306 Millionen Mark) bekannt, daß er sein Werk teilweise in andere Hände geben wolle. Noch bevor das Steuerumwandlungsgesetz Ende dieses Jahres außer Kraft tritt, will der 71jährige Industrielle die renommierte Firma in eine GmbH umwandeln und anschließend die Farbwerke Hoechst als Partner aufnehmen. Vor seiner Ankündigung hatte Herberts der Presse gegenüber eingestehen müssen, daß im Geschäftsjahr 1971 „die Voraussetzungen für einen auch nur annähernd ausreichenden Gewinn abermals nicht gegeben waren“.

Das Wort „Minderheitsbeteiligung“, mit dem der bergische Lackfabrikant das Hoechst-Engagement kennzeichnet, ruft in der Vorständsetage des Frankfurter Chemiekonzerns nicht gerade Entzücken hervor. Statt dessen spricht man schlicht von einer Beteiligung und läßt damit offen, welche Rolle man langfristig in Wuppertal spielen wird. Allerdings haben sich die Hoechster, da wo sie bisher nicht auf Anhieb die Majorität erringen konnten, auch mit einem Kapitalanteil von weniger als 50 Prozent zufriedengegeben. So ist der Konzern an dem Hamburger Kosmetikunternehmen Schwarzkopf nur mit 48,85 Prozent und an dem französischen Pharmaunternehmen Roussel-Uclaf über eine Holding mit 44 Prozent beteiligt.

Doch bei dem Wuppertaler Lackproduzenten, der sich nach der zum BASF-Bereich gehörenden Glasurit GmbH mit dem Hildener Familienunternehmen Hermann Wiederhold KG um den zweiten Platz in der Rangliste der Branche streitet, hat Hoechst offensichtlich mehr vor. Branchengerüchte wollen wissen, daß die Frankfurter unabhängig von der Höhe der ersten Beteiligung, über die gegenwärtig verhandelt wird, eine Option auf das gesamte Kapital von Herberts erwerben wollen.

Über den Kaufpreis lassen die Verhandlungspartner – wie üblich in derartigen Fällen – kein Wort verlauten. Er ist auch nur schwer abzuschätzen, denn von der nicht publizitätspflichtigen Dr. Kurt Herberts & Co. ist nicht einmal die volle Kapitalausstattung bekannt. Sie besteht aus 15 Millionen Mark und „Gesellschafterdarlehen in unterschiedlicher Höhe“.

Wenn die Verbindung zwischen Hoechst und Herberts, die schon auf einigen Gebieten seit Jahren kooperieren, zustandekommt, werden die Frankfurter mit dem Konkurrenten aus Ludwigshafen gleichziehen. Die Badische Anilin- und Sodafabrik AG hatte sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre systematisch in die Lack- und Farbenindustrie eingekauft. 1965 hatte sie von der Familie Winkelmann die Firma Glasurit mit einem Kapital von 48 Millionen Mark erworben, 1967 folgte die inzwischen bei Glasurit eingegliederte Dr. Beck & Co. AG, 1968 die Herbol-Werke Herbig-Haarhaus AG in Köln, bei denen ihr die Farbenfabriken Bayer noch eine Schachtelbeteiligung weggeschnappt hatten, die bei der großen „Flurbereinigung“ der Großchemie zu Beginn des Jahres 1971 dann doch bei der BASF landete.