Wenn man längere Zeit nicht daheim in Deutschland war, so fällt einem bei der Wiederbegegnung meist einiges auf. Diesmal beispielsweise etwas Phonetisches.

Die Sprecher im Rundfunk bemühen sich, die Nachrichten möglichst ohne dialektischen Unterton zu lesen, was ihnen – bis auf ihre Kollegen vom Bayerischen Rundfunk – auch ohne bemerkbare Schwierigkeiten gelingt. Resultat: Die Stimme hebt sich oder senkt sich nicht. Sie bleibt auf derselben Höhe, die Redeweise wirkt abgehackt, hinter jedem Wort eine kleine Pause. Manchmal sogar hinter ein-zel-nen Silben. Viele Abgeordnete im Bundestag sprachen in den großen politischen Debatten so, das Manuskript vor sich auf dem Pult. Ein nachdrücklich deutliches Staccato. Eintönig ist dann soviel wie keintönig. Wohl hört man gut, was da gesagt wird, und doch ist die Aufmerksamkeit überfordert. Denn es fehlt etwas.

Es klopft und pocht die kleine Trommel. Doch nicht so, daß sie quasi mit variablen Rhythmen hintergründig, untergründig Erregung wiedergäbe. Nein, es fehlen die Geigen und Celli; alle übrigen Instrumente fehlen. Es fehlen Atmosphäre, Empfindung. Denn diese Solotrommel ist höchstens einem kleinen Maschinengewehr zu vergleichen, das im Parlament auf die anderen Abgeordneten, im Rundfunk ins Leere gerichtet ist. Bei sozialdemokratischen Rednern kommt es häufiger als bei anderen vor, daß die Stimme am Ende eines Satzes nicht gesenkt, sondern gehoben wird. Ob eine bestimmte Rednerschule dahintersteckt?

Mit einiger Garantie darf gesagt werden, daß bei den hochdeutschen, papierdeutschen Sprechern erst am Ende der ganzen Rede die Stimme sich deutlich senkt. Eine dicke Trommel macht sozusagen bumm. Der nächste Redner: Meine Damen und Herren, tack, tack, da capo al fine.

Wenn Brandt, aber auch wenn Barzel sprach, besonders dann, wenn ihnen höchstens Notizen, nicht aber fertige Manuskripte vorlagen, kam Melodie in ihre Rede, Bewegung, Leidenschaft, Menschlichkeit. Es gab so viele Bindungen, so viele Liaisons wie Staccati. Für Reden, wie Franz Josef Strauß sie hält, Ansprachen, die in der Wolle des bayerischen Dialekts gefärbt sind, gilt dies erst recht.

Was aber ist das Gegenteil dessen, was man "menschlich" nennt? Unmenschlich? Oder wenigstens funktiönärshaft?

Vielleicht können ja die Psychologen auf die Frage antworten, was es bedeutet, daß hochdeutsche Redner in gleichbleibendem Ton und staccato sprechen, und dies übrigens auch in der DDR, während rund um unsere Grenzen die Sprecher sich mit "Schnauze", mit "Herz", mit "Melodie" äußern. Ob aber ihre Antwort schmeichelhaft ausfällt? Ich fürchte nein.