"Familie und Aggression – Zur Einübung von Gewalt und Gewaltlosigkeit", eine empirische Untersuchung von David Mark Mantell. "Das Drama des Vietnamkrieges und die innenpolitische Spaltung in den Vereinigten Staaten wurden wissentlich und unwissentlich in der amerikanischen Familie geformt", schreibt der Autor dieser umfänglichen Studie über die psychologischen Hintergründe der Gewalt. Über die Grenzen der Gültigkeit eines solchen Satzes kann und muß man streiten. Aber die ungeheure Bedeutung der Kinderstube für die politischen Schicksalsfragen zu überschätzen, stehen wir, obwohl leicht geneigt, von der Erziehung das Heil der Welt zu erwarten, vorerst kaum in Gefahr. Mantell liefert keine Theorie, sondern geduldig gesammelte Beobachtungen. Er hat Vietnam-Freiwillige (Soldaten der berüchtigten Special Forces) und aktive Kriegsdienstverweigerer gründlich über Kindheitserfahrungen und Motivationsstruktur ausgeforscht und dabei eine signifikante Korrelation zwischen Erziehungsstil und späterer Einstellung gegenüber Krieg und Gewalt ermittelt. Zu jener emotionalen Unreife, Gefühlskälte und brutalen Rücksichtslosigkeit, die Mantell im Persönlichkeitsbild des Freiwilligen erkennt und die sich dem Leser in den ausführlich zitierten Interviews erschreckend mitteilt, wurde offenbar der Grund in einem Familienklima gelegt, das durch autoritäre Unterordnung, Rigidität und Kontaktarmut gekennzeichnet ist. Als Kinder häufig hart und grundlos gezüchtigt, in ihren emotionalen Bedürfnissen massiv frustriert, wurden die Freiwilligen früh an eine Welt gewöhnt, in der das Recht des Stärkeren gilt und Gewalt jederzeit eine Rechtfertigung findet. Die Verweigerer, die in herrschaftsärmeren, gefühlsmäßig lebendigeren und kontaktfreudigeren Familien ihre soziale Bewußtheit und mitmenschliche Sensibilität erwarben und rationalere Konfliktlösungsmethoden lernten, liefern dazu die Gegenprobe. Solche Zusammenhänge können kaum überraschen, aber man muß es Mantell danken, daß er sie so sorgfältig belegt hat. Des Kommentars enthält er sich weitgehend; die Materialien sprechen für sich. Sprechen sie für sich? Ein Oberst, dem Mantell seine Eindrücke von der Söldnermentalität der Freiwilligen und ihrem Werdegang mitteilte, erwiderte: "Wissen Sie, Sie haben den Amerikanismus in seiner besten Form geschildert." Erziehung kann vielleicht viel verändern, aber wer verändert die Erziehung? (Aus dem Amerikanischen von Tamar Bermann; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 406 Seiten, 30,– DM.) Hans Krieger