Von Michael Globig

Das Sterben dauert zwei Tage: Zunächst erblinden die Tiere und finden kein Futter mehr, später beginnen sie sich im Kreis zu drehen, blöken und haben Schaum vor dem Maul. Schließlich treten Lähmungserscheinungen hinzu, die Tiere brechen zusammen, können sich nicht mehr erheben und verenden qualvoll." So beschrieben Augenzeugen das Rindersterben, das am vergangenen Wochenende – wenige Tage nach dem Weideauftrieb – plötzlich in der Nähe von Nordenham an der Unterweser auftrat.

Bis zum 17. Mai gingen dort sechzehn Kühe und Kälber ein, mußten 69 Rinder notgeschlachtet sowie weitere sechzehn als sichere Todeskandidaten von den Weiden getrieben werden. Die Nordwest-Zeitung charakterisierte die Stimmung im Wesermarschgebiet mit den Worten: ,,In Nordenham grassiert die nackte Angst."

Angst verspürten dabei nicht nur die Bauern, die ihre Existenz bedroht sahen – die Landwirte beziffern den bisher entstandenen Schaden auf insgesamt 250 000 Mark –, Angst machte sich gleichzeitig unter der Bevölkerung breit. Denn: Das Massensterben von Rindern (und Kaninchen) ist auf ein Gift zurückzuführen, das auch Menschen gefährdet – auf Blei. Schon die Krankheitssymptome der betroffenen Tiere führten die Veterinärmediziner zu der Diagnose, daß die Rinder an Bleivergiftungen zugrunde gegangen seien. Untersuchungen der inneren Organe verendeter oder notgeschlachteter Tiere bestätigten diese Vermutung: Die Organe – vor allem die Leber – wiesen außergewöhnlich hohe Bleikonzentrationen auf.

Dieses Blei stammt aus den Abgasen eines Nordenhamer Betriebes: der Preußag-Hütte; sie verhüttet Blei und stellt außerdem auf elektrolytischem Wege reines Zink her (Monatskapazität: 10 000 Tonnen Blei, 8000 Tonnen Zink). Wie stark die bleihaltigen Emissionen des Betriebes dabei die Umwelt vergiften, wurde im vergangenen Sommer bekannt, als die Landwirtschaftskammer Weser-Ems Untersuchungsergebnisse veröffentlichte. Daraus ging hervor, daß der Bleigehalt des Bodens in der Nachbarschaft der Hütte während des Jahres 1970 auf das 120fache des Normalwertes angestiegen war.

Natürlich findet sich das ausgestoßene Blei nicht nur im Boden wieder, sondern auch in der Vegetation. Deshalb war den Bauern der Wesermarsch auch das Krankheitsbild bleivergifteter Rinder keineswegs unbekannt. Immer wieder erkrankten dort Rinder, und schon seit einiger Zeit bestand zwischen der Hütte und Landwirten, deren Weiden in drei Kilometer Umkreis um die Bleihütte liegen, ein "Zonenvertrag", nach dem die Entschädigung für Tier- und Vegetationsschäden geregelt wurde.

Indes: Noch nie zuvor waren Bleivergiftungen bei Rindern so massiert und so oft mit tödlichem Ausgang aufgetreten wie in diesem Frühjahr. Hatte das Werk etwa mehr Blei emittiert als je zuvor? Der Verdacht, daß dies der Fall sein könnte, lag nahe; allerdings kam er nicht erst während der letzten Tage und Wochen auf. Der Präsident der Landwirtschaftskammer Weser-Ems, Professor Vetter, hatte schon im Oktober vergangenen Jahres Indizien dafür gefunden, daß sich im Futter verstärkt Blei anreicherte.