Nicht nur der Vatikan hat sich in diesen Wochen über die betrübliche Tatsache entsetzt, daß sich die Großen dieser Welt lächelnd zuprosten, während sie gleichzeitig kleine Völker mit mörderischen Waffen übereinander herfallen lassen. Aber die Moral in der Politik wurde nur zu oft der Staatsräson geopfert. Eines der beschämendsten Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit hat der britische Historiker Lord Nicholas Bethell, Autor einer bekannten Gomulka-Biographie, aus den Archiven des Foreign Office ans Licht geholt.

Von Lord Bethell

Setzte sich ein Mann zur Wehr, wurde ihm anscheinend sein Mantel vom Henker über den Kopf gestülpt und um den Hals zusammengebunden, so daß er mit verhülltem Gesicht an den Rand der Grube geführt wurde. Es wurden nämlich viele Männer aufgefunden, denen man eben auf diese Weise eine Kapuze aufgesetzt hatte; der Mantel war an der Stelle, wo er die Schädelbasis bedeckte, von einer Kugel durchlöchert. Jenen hingegen, die gefaßt in den Tod gingen, muß sich der ungeheuerlichste Anblick geboten haben. In der breiten Grube lagen ihre Kameraden, rund um den Innenrand zusammengepreßt, Kopf bei Fuß, wie Sardinen in einer Büchse, nur in der Mitte des Grabes waren sie nicht so ordentlich hingelegt. Auf den Körpern trampelten die Henkersknechte herum, zerrten andere Leichen herunter und stapften im Blut wie Metzger auf einem Schlachthof. Als alles vorüber war, der letzte Schuß gefallen und das letzte polnische Haupt punktiert, da wandten sich die Schlächter der unschuldigsten Beschäftigung zu – vielleicht waren sie in ihrer Jugend in der Landwirtschaft ausgebildet worden – jedenfalls glätteten sie die Erdklumpen und bepflanzten das Schlachthaus mit kleinen Koniferen.“

Was sich wie eine Horrorgeschichte anhört, ist in Wirklichkeit ein diplomatischer Bericht, den der britische Botschafter bei der polnischen Exilregierung, Owen O’Malley, im Mai 1943 ausfertigte. Wir erinnern uns: Am 17. September 1939 war die Rote Armee gemäß einer Vereinbarung mit dem nationalsozialistischen Deutschland nach. Polen eingefallen und hatte viele Kriegsgefangene einbehalten. Als dann am 22. Juni 1941 Hitler die Sowjetunion überfiel, verwandelte Stalin die Polen von Feinden zu Verbündeten, entließ sie aus der Gefangenschaft und ermöglichte ihnen, eine Armee zu bilden. Doch bald entdeckten die polnischen Behörden in London, daß etliche Tausend ihrer Offiziere verschollen waren. Mehrmals zogen sie Erkundigungen ein. Die Zeit verstrich, doch die Russen hatten keine Offiziere vorzuweisen, lediglich ausweichende Antworten. Da die Polen besser als die meisten anderen Völker die Brutalität Stalins und seiner Geheimpolizei, der NKWD, kannten, begannen sie das Schlimmste zu befürchten. Aber zu einer Zeit, da die russischen Armeen die volle Wucht der nationalsozialistischen Aggression auszuhalten und soeben den großen Sieg von Stalingrad errungen hatten, fühlten sich die Polen außerstande, den sowjetischen Führern allzu hart zuzusetzen..

Eden: Deutsche Propaganda

Am 13. April 1943 gab der Sender Berlin bekannt, deutsche Besatzungstruppen hätten in der Nähe von Katyn in Westrußland die Leichen von mehreren Tausend polnischen Offizieren ausgegraben, die angeblich im Frühjahr 1940 von der NKWD ermordet worden sein sollten. Zur gleichen Zeit saß der polnische Ministerpräsident Sikorski mit Churchill beim Lunch und teilte ihm mit, er besitze „eine Fülle von Beweisen“ für die Verantwortlichkeit der Russen. Churchill entgegnete: „Wenn sie tot sind, wird alles, was Sie tun, sie doch nicht wieder lebendig machen.“

Am 19. April berichtete Anthony Eden dem Kabinett, „er habe alles Mögliche getan, um die Polen dazu zu bringen, dies als ein deutsches Propagandastück zu betrachten, das Zwietracht unter den Alliierten säen solle“. Natürlich war das die Absicht der Deutschen, aber damit war nicht unbedingt gesagt, daß ihre Informationen falsch sein mußten. Sikorski wußte den Schaden einzuschätzen, den ein offener Bruch mit Rußland für die Kriegsanstrengungen bedeutet hätte, aber schließlich hatten einige seiner engsten Mitarbeiter bei dem Massaker Verwandte verloren. Deshalb ließ er sich dazu überreden, eine Untersuchung durch das Internationale Rote Kreuz zu verlangen.

Stalin und seine Mitarbeiter deuteten dieses Vorgehen richtig als eine Unterstellung sowjetischer Schuld. Sie beschlossen, sich nicht mit Gegenbeweisen zu verteidigen, sondern vielmehr ihre Ankläger zu verleumden und zuletzt die Beziehungen mit der polnischen Regierung abzubrechen. „Hitlers polnische Komplicen“, lautete die Schlagzeile der Prawda vom 20. April. Sie stellte die Behauptung auf, daß die Offiziere 1941 nach dem Rückzug der Roten Armee in deutsche Hände gefallen und dann von den Nazis ermordet worden seien. Am 4. Mai gab Eden dem Unterhaus bekannt, wobei er seine Worte sorgsam wählte, daß Großbritannien „keineswegs wünsche, irgend jemand außer dem gemeinsamen Feind mit der Schuld für diese Ereignisse zu belasten“. Er beklagte „den Zynismus, mit dem die Nazis, die selber Hunderttausende unschuldiger Polen und Russen umgebracht haben, die Geschichte von einem Massenmord dazu benutzen, die Einigkeit unter den Alliierten zu stören“.

Die jüngst veröffentlichten britischen Akten aus dem Jahre 1943 zeigen nun aber, daß es sogar schon damals, im Gegensatz zu den Worten Edens, keinen einzigen führenden britischen Politiker gab, der nicht von der Schuld der Russen überzeugt gewesen wäre. Gesandter O’Malley hatte Zugang zu dem Beweismaterial Sikorskis und gab in seinem Bericht eine Zusammenfassung: Zunächst einmal war auffällig, daß im Frühjahr 1940 der Briefverkehr der Offiziere mit ihren Familien plötzlich aufgehört hatte. O’Malley schreibt: „Die Deutschen eroberten Smolensk im Juli 1941, und man wird keine einfache Antwort auf die Frage finden, warum es keinem einzigen der 10 000 Offiziere, falls er die Zeit vom Mai 1940 bis zum Juli 1941 überlebt haben sollte, gelungen ist, irgendein Wort an seine Familie durchzubekommen.“

Stalin verleumdet die Polen

Sodann gab es die verschiedenen widerspruchsvollen sowjetischen Antworten auf die polnischen Ersuchen um Nachrichten über die Offiziere. Zuerst war den Polen mitgeteilt worden, alle Offiziere seien bereits entlassen, dann hieß es, man besitze keine Nachrichten über ihren Verbleib, und schließlich wurde behauptet, sie müßten wohl in das deutsch besetzte Polen zurückgekehrt sein. O’Malley hebt hervor, mit welcher Akkuratesse die NKWD ansonsten jedes Detail eines Gefangenen registrierte, wann immer auch er in ihren Gefängnissen gesessen hatte. Stalins Beteuerungen, „keinerlei Informationen“ zu besitzen, waren kaum glaubwürdig.

Noch einmal: Wenn die Offiziere im Juli 1941 wirklich noch am Leben waren, dann ist es höchst unwahrscheinlich, daß es keinem von ihnen gelungen sein sollte, inmitten der Verwirrung zu entfliehen und sich gen Osten durchzuschlagen. Außerdem gab es den medizinischen Untersuchungsbericht einer internationalen Kommission, nach deren Ermittlungen die Leichen drei Jahre alt waren. Gewiß, diese Kommission arbeitete unter deutscher Aufsicht, aber einige ihrer Mitglieder, wie Professor François Naville, Gerichtsmediziner an der Universität Genf, waren ehrenwerte Männer und keineswegs pronazistisch – sie würden sich auf keinen Fall für ein Schwindelmanöver hergegeben haben. All dies deutete darauf hin, daß die Polen 1940 getötet worden waren, zu einer Zeit also, als das Gebiet von Katyn noch von den Sowjets verwaltet wurde.

Solchen Argumenten hatten die sowjetischen Behörden keine Argumente entgegenzusetzen, nur Gepolter und Gegenbeschuldigungen. Botschafter Maiskij erklärte in einem Gespräch mit Churchill, die Polen „seien ein tapferes, aber törichtes Volk, das schon immer mit seinen Angelegenheiten schlecht fertig geworden sei“, und „einige von Sikorskis Ministern seien nun drauf und dran, die Deutschen zu unterstützen“. Ebenso äußerte sich Stalin gegenüber dem britischen Botschafter Clark Kerr: Sikorski „habe es zugelassen, daß ein paar Hitler-hörige Leute aus seiner Umgebung ihn umgedreht hätten“. Die Polen hielten sich für sehr klug, sagte er, aber „Gott hat ihnen keinen Verstand gegeben“.

Derartiges Gerede konnte nach, Ansicht der britischen Führer durchaus der Ausfluß eines schlechten Gewissens sein. An der allgemeinen Zuverlässigkeit von O’Malleys Bericht hegten sie jedenfalls keinen Zweifel. „Ein starker Schuldverdacht bleibt an der sowjetischen Regierung, haften“, schrieb Frank Roberts, der spätere Botschafter in Bonn. „Es besteht der schwere Verdacht, daß die Russen verantwortlich waren“, so der spätere Botschafter Denis Allen, damals gleichfalls ein leitender Beamter des Foreign Office. Erschüttert zeigte. sich Alexander Cadogan, der Ständige Staatssekretär, des Foreign Office. „Dies ist eine tief beunruhigende Angelegenheit“, schrieb er, „und ich gebe zu, daß ich mich auf feige Weise von der Szene in Katyn abgewandt habe, aus Angst vor dem, was ich dort hätte vorfinden können. Vielleicht ist uns noch unbekanntes Beweismaterial vorhanden, das in eine andere Richtung weist, aber angesichts der Beweise, die uns vorliegen, kann man sich schwerlich der Vermutung einer russischen Schuld entziehen.“

Die britischen Führer sahen sich gezwungen, diese schrecklichen Mutmaßungen für sich zu behalten und die verständliche Wut der Polen zu unterdrücken. Der Bruch zwischen Polen und der Sowjetunion rief in Großbritannien Entsetzen hervor, nicht etwa, weil die Russen einen Massenmord begangen hatten, sondern weil die Polen die Kriegsanstrengungen zersetzten. „Ich habe keinen Beamten getroffen, der nicht bedauert hätte, wie bereitwillig die Polen den Deutschen auf den Leim gekrochen sind“, schrieb die konservative Unterhausabgeordnete Vyvyan Adams an Eden; Die britischen Kommunisten, die damals politisch eine ziemlich starke Rolle spielten, waren natürlich aufgebracht und machten die Gewerkschaften mobil, die nun Entschließungen gegen die polnische Regierung verfaßten. So erklärten 3000 Arbeiter eines Flugzeugwerkes in Birmingham: „Wir sind nicht länger gewillt, jenen Kreisen, die Hitlers Propaganda gegen die Sowjetunion fordern, noch Asyl und Unterstützung zu gewähren.“ Die Kantinenangestellten einer anderen großen Fabrik forderten, man solle den Polen ihre Ration an Zeitungspapier entziehen und sie lieber, dem kommunistischen Daily Worker zukommen lassen. Churchill erhielt sogar ein Telegramm der kommunistischen Parteiorganisation im Vorort Hampstead Garden.

Churchills Dilemma

Aber auch nichtkommunistische Gewerkschaften und Ortsgruppen der Labour-Partei deckten Whitehall mit Telegrammen und Briefen ein; sie drängten die Regierung, „doch nicht die nazifreundlichen Handlungen der polnischen Regierung zu dulden“ und „ihr zu untersagen, das Spiel Goebbels’ fortzusetzen“. Obwohl Churchill an die Schuld der Russen glaubte, sah er doch keinen Grund, die Wutausbrüche der Polen hinzunehmen. Denn, so äußerte er sich im Kabinett, „keine Regierung, die unsere Gastfreundschaft in Anspruch nimmt, hat das Recht, Artikel zu veröffentlichen, die gegen die grundsätzliche Politik der Vereinten Nationen verstoßen und diese Regierung in Schwierigkeiten bringen ... Die gegenwärtigen Umstände in dieser Sache lassen es geraten sein, die Zügel ein wenig anzuziehen“.

Jene Engländer, die der Wahrheit mißtrauten, fanden sich in ein schreckliches moralisches Dilemma versetzt, wie es sich auf so beredte Weise in dem Bericht von O’Malley niedergeschlagen hat: „Wir wurden genötigt, das normale und gesunde Funktionieren unserer geistigen und moralischen Urteilskraft zu unterbrechen. Wir wurden genötigt, die Taktlosigkeit oder Impulsivität der Polen ungebührlich hervorzuheben, die Polen davon abzuhalten, ihre Sache in klarer Form der Öffentlichkeit zu unterbreiten, und jeden Versuch der Öffentlichkeit und der Presse zu entmutigen, dieser häßlichen Geschichte auf den Grund zu gehen. Überhaupt wurden wir genötigt, Möglichkeiten aus dem Blickfeld zu rücken, die normalerweise im Leben zum Himmel und nach Aufklärung schreien würden; wir mußten das volle Ausmaß der Besorgnis verbergen, das unter anderen Umständen zur Schau gestellt worden wäre, hätten wir über solche Kenntnisse verfügt, wie sie jetzt einer großen Anzahl Polen zugänglich sind. So wie die Mörder ihre kleinen Koniferen pflanzten, so haben wir in der Tat – gezwungenermaßen – den guten Ruf Englands dazu benutzt, um ein Blutbad zu vertuschen.“

Es kann nicht weiter erstaunen, daß dieser Bericht im Foreign Office Bestürzung hervorrief. Denis Allen hielt ihn für „glänzend, unorthodox und beunruhigend“, obgleich er die gefühlvolle Sprache mißbilligte, die nur geeignet sei, antisowjetische Leidenschaften zu wecken, und obgleich er die naheliegende Folgerung abwies, daß sich der Kopf vom Herzen regieren lassen müsse. Und Cadogan bemerkte: „Es fällt mir schwer zu entscheiden, wie weit wir dieses brisante Material in Umlauf bringen sollen.“ Es sei nicht mehr als recht und billig, den Bericht zu verbreiten, aber da sein Inhalt auf keine Weise die britische Politik berühre, gab er zu bedenken, ob es irgendeinen Vorteil mit sich bringe, „wenn man mehr Personen als nötig dem Gewissenskonflikt aussetzt, den die Lektüre dieses Berichtes auslöst“?

Schließlich wurde der Bericht doch – gedruckt und als Umlaufsache den Kabinettsmitgliedern und dem König bekanntgegeben, so daß zumindest auf dieser Ebene die Schuld der Russen anerkannt wurde. Aber für den öffentlichen Gebrauch hielten die britischen Führer an dem Vorwand der nationalsozialistischen Verantwortlichkeit fest, das hieß: praktisch stellten sie sich Seite an Seite mit Stalin gegen die Polen. Sie verschlossen ihre Augen vor einer ungeheuerlichen Lüge – eine Handlungsweise, die um so tragischer ist, als ohne Zweifel – auch nach Meinung O’Malleys – der Anschein alliierter Einigkeit und der heldenhafte Widerstand des russischen Volkes gegen Deutschland so entscheidend waren, daß jeder andere Weg ausgeschlossen blieb.

Doppelbödige Moral

Einige britische Regierungsbeamte haben nach dem Krieg privat zugegeben, daß die Katyn-Affäre ihnen die schrecklichsten Augenblicke ihrer Karriere und ihre schlimmsten Depressionen bereitet habe. Obgleich sie tun mußten, was sie taten, war ihnen doch die Gefährlichkeit des Spieles bewußt, auf das sie sich einließen, und erst recht das moralische Desaster, daß sie bei einem Täuschungsmanöver solchen Ausmaßes gewärtigten.

„Wir setzen uns nun der Gefahr aus“, schrieb O’Malley, „daß wir nicht nur uns selbst, sondern auch andere verwirren und daß auch uns das Wort des heiligen Paulus trifft, der jene verdammte, die da Grausamkeiten mitansehen können, „ohne zu brennen“. Als einzigen Ausweg sah er nur noch, „daß dort, wo wir noch Herren unserer selbst sind, in unseren Herzen und in unserem Geiste, etwas geschehen muß“, denn „hier können wir auf jeden Fall eine Wiedergutmachung leisten, können wir unsere Verpflichtung zu Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit erneuern“. Seine Worte waren nicht in den Wind gesprochen – denn wenn auch seine Kollegen schwiegen, so litten sie doch.

Aber nichts derglelchen konnte den Polen helfen oder den Verrat an ihren Interessen erträglicher machen. Staatssekretär Cadogan entsetzte sich 1943 bei dem Gedanken, „daß wir womöglich, nach Vereinbarung und in Zusammenarbeit mit den Russen, gegen die ,Kriegsverbrecher‘ der Achsenmächte einen Prozeß führen und sie vielleicht sogar hinrichten, während wir diese Greuel stillschweigend vergeben. Ich muß zugeben daß es mir sehr schwerfallen würde, dies schlucken zu müssen“. Aber er hat es geschluckt. Jahre danach hat er sich weder den Nürnberger Prozessen widersetzt noch ist er gegen den anderen großen Verrat aufgestanden, der in Jalta an den Polen verübt wurde.

Nach dem Kriege war Großbritannien nicht mehr darauf angewiesen, Rußland als Verbündeten zu unterstützen. Irgend etwas hätte geschehen können, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Erst vor einem Jahr wurde ein britischer Staatsminister im Parlament eben dazu aufgefordert, Doch aus mehreren Gründen weigerte er sich. Großbritannien vertrete in dieser Angelegenheit keinen Standpunkt, sagte er, und es hieße nur alte Wunden aufreißen, wolle man so lange Zeit nach dem Ereignis einen Schuldspruch fällen. In der Sowjetunion würde man darin einen feindseligen Akt sehen. Überdies: „Die polnische Regierung, deren Ansichten zu dieser Angelegenheit ganz sicher berücksichtigt werden sollten, hat erklärt, daß sie den Vorfall als abgeschlossen betrachtet.“ Nun stimmt es freilich, daß Gomulka 1962 das Massaker als eine „Goebbelsche Provokation“ bezeichnet hat. Offensichtlich wäre nach Meinung der britischen Behörden jede Erklärung auch heute nichts anderes als ein unbegründeter Schlag in das Gesicht der Sowjetunion.

Angesichts des neuen Beweismaterials wird es schwerfallen, diese Linie durchzuhalten. O’Malley, der heute in Oxford lebt, meint dazu: „1943 stand für mich außer jeden vernünftigen Zweifels fest, daß die Russen verantwortlich waren.“ Das gleiche gilt für Churchill und seine Regierung.“ Die britische Regierung ließ sich auf einen Kompromiß mit der Wahrheit ein und lieh ihre Autorität einer Lüge. Anderenfalls wäre die sowjetische Version der Affäre nicht auf so bereitwilligen Glauben gestoßen.

Am besten wäre es gewesen, wenn Churchill oder Eden ein persönliches Wort gefunden hätten zu einer Zeit, als sie der Regierung nicht mehr angehörten. Eden könnte es immer noch. Mit einem Minimum an Verlegenheit könnte er den Schild ein wenig sauberer putzen. Was immer auch Gomulka gesagt haben mag, für das polnische Volk würde dies sehr viel bedeuten, denn es weiß sehr wohl, daß Stalin das polnische Offizierskorps niedergemetzelt hat. Das Wort „Katyn“ kommt ihnen in Momenten antirussischer Aufwallung immer noch über die Lippen.

Cadogan schrieb 1943 die prophetischen Worten „Falls sich die russische Schuld erweisen sollte, können wir dann noch erwarten, daß die Polen in den kommenden Generationen Seite an Seite mit den Russen zusammenleben? Ich fürchte, auf diese Frage gibt es keine Antwort.“ Kein fühlender Mensch könnte wollen, daß dieser traditionelle Haß auch nur ein Jahr länger als nötig andauert. Aber Katyn ist eine jener offenen Wunden, die nicht durch, die Zeit allein geheilt werden. Es bedarf immer noch einer freimütigen Anwendung von Wahrheit und Tatsachen. Sie mag den Patienten für den Augenblick schocken, aber sie wird die Wunde desinfizieren.