ARD, Sonntag, 28. 5.: „Tatort: Kressin und die Frau des Malers“

Kunstraub ist „in“ – in den einschlägigen Ganovenkreisen, versteht sich. Kaum eine Woche vergeht, ohne daß der Diebstahl berühmter Gemälde aus einem Museum, berühmter Madonnen aus einer Kirche Schlagzeilen macht. Da liegt nichts näher, als daß auch das Fernsehen in das Geschäft mit der geklauten Kunst einsteigt, schließlich erregt das Thema die Gemüter. Der WDR, diesmal zuständig für den „Tatort“, setzte den Zollfahnder Kressin aus Köln (Sieghardt Rupp) auf die Jagd nach den Kunstdieben an.

Und „Kressi“ macht das schon, er beherrscht die Szene. Ein erstaunlicher deutscher Beamter, ein kleiner James Bond gewissermaßen, null Komma null sieben. Er redet so lässig, daß es schon schnoddrig ist; er schlägt so gekonnt, daß auch die Pistole in der Faust dem Gangster keine Chance läßt; er steuert ein Cabrio, trägt das Hemd stets zwei Knöpfe geöffnet, so daß sich das schwarze Brusthaar herauskräuselt, und geht mit kraftvollem, wiegendem Gang, der Potenz signalisiert. Kressin nämlich ist vor allem ein Sexualprotz, der bei seinen Lustobjekten immer gleich zur Sache kommt: Hast du Telephon? Einen Wecker? Rasierapparat? Wie ist dein Kaffee? – und schon wird die Bettdecke bereitwillig hochgeschlagen. Die Hand auf dem nackten Po einer hübschen Puppe, den Telephonhörer unterm Kinn so löst er seine Fälle, aus dem warmen Nest eilt der Zöllner gleich zu den Leichen.

Freilich fehlt ihm alles, was seinem großen britischen Bruder zu Gebote steht, das ganze Arsenal modernster Technik. Kressin trägt den Revolver locker in der Brusttasche, das reicht ihm. Wo der Agent seiner Majestät Computer bemüht, rückt sein Kölner Epigone wie ein kriminalistischer Hellseher Zuckerstücke auf der Schreibtischplatte, um den Verbrechern hinter die Schliche zu kommen: ein feiges Ganoventrio, das die Bilder mit dem Teppichmesser aus dem Rahmen schneidet; ein geldgieriger Boß, der die Ware über die Grenze nach Amsterdam schiebt; der große Unbekannte im Hintergrund, dreißig Millionen schwer, der die Kunst in einem Allerheiligsten seiner Villa anbetet.

Und natürlich der Maler, ein genialer Kopist, der die Bilder angeblich überpinselt, damit sie den Zoll passieren können, in Wirklichkeit aber alle reinlegt, weil er die Originale auf dem Dachboden hortet und Fälschungen weitergibt. Und dann noch die Frau des Malers (Heidi Stroh), die ihn antreibt und zugleich mit allen betrügt, die blonde Bestie, eiskalt, bis sie den Barscheck über 100 000 Dollar in den Busen steckt; dann erst zückt sie die Waffe, feuert wild um sich und stakt auf hohen Hacken im knöchellangen Partykleid vor den genau zur rechten Zeit anrückenden „Bullen“ in den nächtlichen Park.

Platter crime also diesmal am Tatort, versetzt mit einem kräftigen Schuß sex: blanke Brust im Bett, brutaler Mord durch Kugel in den Rücken, nacktes Häschen in der Badewanne, wilde Jagd mit dem Auto; dürftige Einfälle, Dutzendware aus der Mottenkiste, Krimi-Gemeinplätze, abgenutzte Klischees – das ist die Mischung, aus der allemal nur ein mieses Stück werden kann.

Hayo Matthiesen