„Die Fünfte“, Roman von Maria Fagyas. Sie liegt auf einer Straße in Budapest, und nur weil Inspektor Nemetz schon mittags den gleichen Weg gegangen war, fällt ihm, dem einzigen Menschen im Revolutionschaos der letzten Oktobertage 1956, auf, daß abends fünf statt vier Frauenleiden auf dem zerschossenen Pflaster liegen. Diese fünfte aber kann nicht mehr ein Opfer des russischen Panzerangriffs sein, und deshalb beginnt Nemetz unbeirrbar und dickköpfig mitten im politischen Massenmord einem privaten Mordfall nachzugehen. Maria Fagyas, durch ihren dritten Roman „Der Leutnant und sein Richter“ jählings bekannt geworden, hatte schon in dieser älteren Geschichte ihr Thema gefunden: die absurde Einheit, die zwischen dem Jäger und seinem Opfer entsteht, der sich zur Leidenschaft steigernde Zweikampf um die Wahrheit, die verheerende Sympathie, die zwischen zwei Menschen wuchert, die sich notgedrungen besser Mann und Geliebte, besser als Mutter und Kind kennen und doch überhaupt nichts miteinander gemein haben – eine Kombination von Unerträglichkeit und Idealzustand, die schließlich in einem Bekenntnis endet, weil das gegenseitige tiefe Verständnis nichts anderes gestattet. Der Gerechtigkeit hat die Autorin das wahnwitzige Gewand jener Zeit übergestreift. Der Mörder sühnt seine Tat, für die er nie belangt werden wird, indem er von den zurückflutenden Russen für etwas verurteilt und deportiert wird, was er nicht begangen hat. Der politische Hintergrund gestattet der Autorin auf diese Weise, über das Relative und das Absolute der Begriffe Recht und Gerechtigkeit nachdenken zu lassen, und wenn ihre Geschichte sie auch zu manchen Platitüden verlockte, so ist es ihr gelungen, Zeitgeschichte und Kriminalfall, historische und erfundene Tragödie so zu koppeln, daß das eine das andere bedingt. (Aus dem Amerikanischen von Robert Fuchs; Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen; 357 S., 16,80 DM.)

SybilGräfin Schönfeldt