Die "Emilia Galotti", das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel und in seinem Figuren-Arsenal das Prägemuster für die Figurenkonstellationen des bürgerlichen deutschen Dramas, diese "Emilia Galotti" läßt sich sowohl unter dem Gesichtspunkt des "Schon" als auch unter dem des "Noch nicht" betrachten. Werner Schroeter, der die Tragödie im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg (der Zufluchtstätte des Experimentierens, das man den über tausend möglichen Zuschauern auf der Hauptbühne nicht zuzumuten wagt) inszenierte, war offensichtlich an dem "Noch nicht" interessiert.

Das aber heißt: näher zur französischen Tragödie, gegen die Lessing doch theoretisch so stark anwetterte, läßt sich das Stück nicht rücken, als es in Hamburg geschah. Hinter einem Fliegendraht, also rasterhaft verschleiert, bewegten sich die Figuren in abgezirkelter Geometrie, Pantomimen, deren Texte und Gänge weniger durch Psychologie, stärker durch eine Choreographie miteinander verspannt waren, deren Auftritte sichtbaren Bühnenmechanismus darstellten, eine Geometrie, die sich auch noch in Spiegeln brach und verfing.

Schroeter hatte also aus einem Drama der Gefühle und Intrigen ein Drama der strengsten mechanistischen Form gewonnen. Nur: Während die meisten Schauspieler ihren Text mit ungeschmeidiger Behendigkeit aufzusagen hatten (Schroeter hätte, wie er in einem Interview sagte, ja am liebsten Roboter gehabt), merkte man, wie deutsche Zungen über einen deutschen Text stolpern, soll er sich zu Racine-Rhetorik mausern. Arios will in dem Stück weder die Sprache, noch wollen die Beziehungen zwischen den Figuren so aufgehen.

Nun ist es wahr, daß Schroeters Befragung des Lessingschen Stücks nicht nur die allzu gut geölten Scharniere einer "Ha, er kömmt!"-Dramaturgie sichtbar zu machen verstand, sondern auch zeigte, wie das Bewahren einer allzu strengen Form das Korsett ist, mit dem das Stück seine freigesetzten Gefühle wie mit einer Zwangsjacke bändigt.

Denn diese Gefühle – das macht eine solche Zirkelgeometrie nur zu deutlich –, sie sind dem Kolportage- und Klischee-Repertoire des englischen empfindsamen Romans (Richardson) doch noch sehr ungefiltert entnommen. Man muß da nicht einmal an die Metaphorik denken, die von einer Rose spricht, bevor der Sturm sie entblättert, also vieles enthält, was uns inzwischen ebenso wie das Schema "hier bürgerliche Tugend – dort höfisches Laster" in die Poesiealben abhanden gekommen ist.

Fritz Kortner, in seiner unvergessenen letzten Inszenierung, riskierte das reiche "Schon": indem er nämlich die rechthaberischen Akzente der Bürgerwelt auch ins pedantisch-dumpfe Unrecht setzte, indem er dem Prinzen jungenhaften Leichtsinn und dem Marinelli bei seiner vermeintlichen Schlauheit eine übereifrige Tölpelei zubilligte.

Schroeter ging innerhalb seines auf den ersten Blick mechanistischen Konzepts (und Gesamtkonzepte sind ja immer etwas gewaltsam langweilig, weil sie alle Nuancen einbügeln) manchmal doch einen Weg, der zeigte, wie sich sein Marionetten-Grundeinfall durch die Wirklichkeit des Textes irritieren ließ.