Von Heinz Michaels

Die Distanz zwischen dem steil aufragenden Hochhaus der IG Metall am Frankfurter Main-Ufer und dem breit hingelagerten Hauptquartier der IG Bau-Steine-Erden in der Bockenheimer Landstraße beträgt eine Taxifahrt von 5,50 Mark. Die geistig-politische Distanz zwischen den beiden Polen gewerkschaftlicher Aktivität ist um ein Vielfaches größer.

„Jeder Wirtschaftszweig“, so sinniert ein Funktionär, „hat die Gewerkschaft, die er verdient.“ Verdient die Bauwirtschaft eine Gewerkschaft, die in Schlagworten als „rechts“ und „autoritär“ gekennzeichnet wird, sich selbst als Ordnungsfaktor unserer Gesellschaft sieht? Eine Gewerkschaft, die bei ihren gewerkschaftlichen Widersachern gelegentlich in den Ruch kam, einer „gelben Gewerkschaft“ zu ähneln, die mit den Unternehmern paktiert?

Die Probleme dieser Gewerkschaft beginnen mit der Struktur des Wirtschaftszweiges, in dem sie operiert. Während die Metallindustrie von der zweiten industriellen Revolution spricht, hängen dem Baugewerbe bis heute Reste einer vorindustriellen Handwerksmentalität an.

Für eine Gewerkschaft ist es schwer, die Arbeitnehmer eines Wirtschaftszweiges zu organisieren, wenn diese in kleinen und kleinsten Grüppchen auf Tausende und Abertausende von Baustellen verteilt sind und zudem den Arbeitsplatz häufig wechseln. Ihr fehlen die Großbetriebe, auf die sich die IG Metall als Basis ihrer Gewerkschaftsarbeit stützen kann. Sie tut sich schwer mit der Organisation, wenn von den rund 65 000 Betrieben der Branche nur zehn Prozent der Industrie zugerechnet werden und neunzig Prozent dem Handwerk, wenn dreiviertel der Firmen weniger als zwanzig Arbeitnehmer beschäftigen.

So kommt es, daß von den Bauarbeitern nur jeder vierte das Mitgliedsbuch der IG Bau in der Tasche hat. So kommt es auch, daß bei den Bauarbeitern eben alles anders ist. Nur eines nicht: Wie in den andern 15 Industriegewerkschaften, die dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) angeschlossen sind, hat auch bei den Bauarbeitern die Mitgliederzahl nicht mit der Zahl der Beschäftigten Schritt gehalten. Eine halbe Million Bauarbeiter sind heute organisiert.

Verzweifelt versuchte Georg Leber – heute Bundesverkehrsminister – als Vorsitzender der IG Bau, diesen Zustand zu ändern. 1961 machte er den Arbeitgebern sogar den Vorschlag, einen Tarifvertrag darüber abzuschließen, Arbeitern, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind, einen Solidaritätsbeitrag abzuknöpfen und einem Sonderfonds der IG Bau zuzuführen. Leber, der Schon als Gewerkschaftsführer Pläne wie Kaninchen aus dem Hut zauberte, stieß aber damit nicht nur bei den Arbeitgebern auf Ablehnung, sondern auch beim DGB und bei den meisten Einzelgewerkschaften. Nach zwei Monaten Diskussion mußte er zurückstecken.

Die Solidaritätsbeitragsidee paßt so recht in das Weltbild von Georg Leber, der während seiner neun Jahre im Amt des Vorsitzenden – bevor er zur Freude manches IG Bau-Funktionärs 1966 Bundesverkehrsminister wurde – die entscheidenden Weichenstellungen für den Kurs der Bauarbeitergewerkschaft vorgenommen hat. „Schorsch“ war (und ist) ein Freund von „Recht und Ordnung“, und er regierte die Organisation wie ein Fürst des aufgeklärten Absolutismus.

Mit seiner Wahl im Jahre 1957 fiel der Beschluß des Gewerkschaftstages zusammen, die Sozialisierungsformel aus der Satzung der IG Bau zu streichen. Schon vorher hatte Leber die Organisation nach links gegen die Kommunisten abgegrenzt. Als Vorstandsmitglied sorgte er 1956 dafür, daß in Nordrhein-Westfalen haupt- und ehrenamtliche Funktionäre, die „sich in der Gewerkschaftsarbeit gemäß den Anweisungen der kommunistischen Partei verhielten“ (Geschäftsbericht), aus der Gewerkschaft hinausflogen.

Auch gegenüber den Parteien grenzte der eloquente Gewerkschaftsführer die IG Bau „mit aller Eindeutigkeit“ ab: „Die politische Repräsentanz auch der Arbeitnehmer wie aller anderen Bürger unseres Staates liegt bei den politischen Parteien. Die Gewerkschaften können weder eine Ersatzpartei sein, noch können sie neben oder über den Parteien stehen wollen.“

Der Pfeil galt der IG Metall, die sich immer auch als politische Vertretung der Arbeitnehmer verstanden hat. Leber contra Brenner – das war ein Jahrzehnt lang zentrales Thema innergewerkschaftlicher Auseinandersetzung. Die Kontroverse läßt sich vereinfacht darauf zurückführen:

  • Georg Leber und damit die IG Bau bewertet die bestehende Gesellschaftsordnung positiv; die Gewerkschaft konzentriert sich darauf, innerhalb der tariflichen und sozialen Autonomie die Stellung des Arbeitnehmers in der Gesellschaft zu verbessern.
  • Otto Brenner hielt die bestehende Gesellschaftsordnung für reformbedürftig; sein Nachfolger Eugen Loderer und damit die IG Metall hält daran fest; die Gewerkschaft strebt daher politischen Einfluß an, um über politische Reformen die Stellung des Arbeitnehmers in der Gesellschaft zu verbessern.

In der Konsequenz stimmt die Haltung der IG Bau mit der Analyse des amerikanischen Nationalökonomen Galbraith überein, wonach in der modernen Industriegesellschaft nicht der Antagonismus der gesellschaftlichen Kräfte, sondern ihr pluralistisches Zusammenspiel die Basis ist, und damit der Gegensatz von Kapital und Arbeit weitgehend neutralisiert werde. Allerdings stimmen die Voraussetzungen für die deutschen Bauarbeiter nicht; denn Galbraith geht von der Großindustrie aus, in der eine neue Schicht, die „Technostruktur“, beherrschend ist. Das gibt es in der deutschen Bauwirtschaft nicht.

Das „aus der Tradition entspringende Spannungsverhältnis zwischen Unternehmertum und Gewerkschaften“ ersetzte Leber durch ein Partnerschaftsverhältnis, das sich auch „für die Allgemeinheit vorteilhaft“ auswirken soll. Offensichtlich war das die Lehre aus einem Streik im Jahre 1962, der nicht zu dem erhofften Ergebnis geführt hatte. „Wegen der Zersplitterung auf viele Baustellen können wir eigentlich kaum streiken“, resigniert ein Bauarbeiter-Funktionär.

In den „Wiesbadener Empfehlungen“, mit denen der Arbeitskampf nach einem Zwiegespräch Lebers mit seinem damaligen Arbeitgeber-Kontrahenten Liebergesell beigelegt wurde, heißt es: „Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften werden in gegenseitiger Anerkennung ihrer ordnenden Funktionen gemeinsam bemüht sein, auf der Grundlage objektiver Beurteilung der sachlichen Gegebenheiten und wirtschaftlichen Möglichkeiten im Interesse des gemeinsamen Wohles den höchstmöglichen sozialen und wirtschaftlichen Wirkungsgrad der Bauwirtschaft zu erreichen.“

Und es paßt in das ordnungspolitische Bild dieser Gewerkschaft, daß Leber-Nachfolger Rudolf Sperner später sagte: „Wir spielen jetzt in der Konzertierten Aktien kräftig mit und sind froh, daß sich unsere Einkommenspolitik nicht nur als für die Bauwirtschaft eignes, sondern auch in Schillers Aufschwung nach Maß nahtlos paßt.“ Bis heute stehen dagegen die meisten Gewerkschaften der Konzertierten Aktion skeptisch bis ablehnend gegenüber.

Dieser Einstellung entspricht auch die Taktik der Lohnverhandlungen. Während andere Industriegewerkschaften hohe, nicht erreichbare Forderungen stellen, denen die Arbeitgeber sehr niedrige Angebote entgegenhalten – und damit nicht auf das psychologische Moment der Kampfgesänge homerischer Helden verzichten –, wird bei der IG Bau über eine zahlenmäßig quantifizierte Forderung nicht gesprochen.

Wenn in den Verhandlungen zwischen den Spitzenfunktionären der beiden Tarifparteien dann Zahlen an der Reihe sind, ging es bisher, so berichtet ein Teilnehmer, „eigentlich nur noch um Zehntelprozente“. Solange Leber noch im Amt war, „handelte er die Lohnerhöhung praktisch mit seinem Kontrahenten beim Bier aus“. Eine Tarifkommission, die bei anderen Gewerkschaften das letzte Wort hat, trat nicht in Erscheinung. Das hat sich geändert. Heute läßt Sperner die Vorstellungen des Vorstandes von der wieder ins Leben gerufenen etwa 120köpfigen Tarifkommission absegnen, die dann auch am Verhandhungsort „Gewehr bei Fuß“ steht, um das Ergebnis zu billigen.

Der Kurs der Tarifpolitik ist dadurch vorgezeichnet, daß Bauarbeiter häufig nur kurze Zeit bei einem Betrieb beschäftigt sind. Für sie sind soziale Leistungen, wie sie in der Industrie üblich sind, nur auf dem Umweg über zentrale Ausgleichskassen zu verwirklichen. So galt es, den Bauarbeitern einen bezahlten Jahresurlaub zu sichern, die Nachteile in der Altersversorgung gegenüber den Industriearbeitern auszugleichen, die traditionellen Wochen der Arbeitslosigkeit über den Jahreswechsel zu erleichtern. Zentrales Thema aber bleibt, die ganzjährige Beschäftigung der Bauarbeiter zu erreichen.

Bei seinem ersten spektakulären Auftreten vor einem Gewerkschaftskongreß machte Leber vor fast zwei Jahrzehnten die Rechnung auf, daß Bauarbeiter wegen Regen, Frost und Schnee im Jahr durchschnittlich zehn Wochen zwangsweise feiern mußten. Für die Gewerkschaft bedeutete dies eine Herausforderung, den Winterbau zu forcieren. Der Schritt zur Industrialisierung ist eng damit verknüpft.

Beharrlich verfolgt die IG Bau diesen Weg weiter. Dabei ist sich Rudolf Sperner bewußt daß mancher alte Zopf in der Bauwirtschaft noch abgeschnitten wenden muß: „Wenn wir mit der Industrialisierung im Bauwesen vorwärts kommen wollen, dann ist jedoch eine gleichmäßigere Auftragsvergabe durch eine langfristige Auftragsplanung für die Bauwirtschaft notwendig ... Die stoßweise und ungleichmäßige Beschäftigung der Bauwirtschaft ließ bisher viele Möglichkeiten rationelleren Bauens nicht zum Zuge kommen.“

Nun läge es nahe, daß die Gewerkschaft selbst der Rationalisierung neue Impulse gibt, zumal diese Entwicklung den Anteil der Facharbeiter gegenüber den Hilfsarbeitern auf den Baustellei erhöht. Es läge auch nahe, daß die IG Bau ähnlich wie die Metallarbeiter über die Tarifpolitk hinausgreift und sich der Probleme des Städtebaus und der Stadtsanierung annimmt. Hier fehlten Initiativen.

Doch auch der Avantgardismus in der Einkommenspolitik zeigt Ermüdungserscheinungen. Als Leber 1965 den ersten Tarifvertrag in der Gewerkschaftsgeschichte über Vermögensbildung der Arbeitnehmer abschloß, war das ein vieldiskutiertes Ereignis. Jeder Bauarbeiter, der zwei Pfennig von seinem Stundenlohn für Vermögensbildung abzweigte, erhielt vom Unternehmer neun Pfennig dazu.

Heute hängt man in der Umgebung des Vorstands den damals proklamierten Anspruch auf gesellschaftspolitischen Fortschritt niedriger und nennt das Kind intern beim Namen: Sparförderung. Die Zeche zahlen nicht die Unternehmer, sondern die Bauherrn, auf deren Bauabrechnungen die Kosten für die Vermögensbildung der Bauarbeiter erscheinen. Der frühere Gewerkschaftsjournalist Egon Lutz meint, das Abkommen sei „das beste Geschäft für die Bauindustrie“ geworden, da man bei der Abrechnung keineswegs pingelig verfahren sei.

In der und um die IG Bau ist es ruhiger geworden, seit Georg,. Leber vor sechs Jahen in die Regierung überwechselte. Nach wie vor sind die Bauarbeiter zwar dafür, daß die Autorität des DGB gegenüber den Einzelgewerkschaften gestärkt wird – wogegen die Metallarbeiter heftig opponieren –, doch Rudolf Sperner ist offensichtlich bemüht, die Spannungen abzubauen, die durch die heftige Reformdebatte entstanden waren. Er ließ es sich nicht nehmen, selbst zum außerordentlichen Gewerkschaftstag der IG Metall zu fahren und deren neugewähltem Vorsitzenden Loderer zu gratulieren.

Der wirtschaftlichen Mitbestimmung im Unternehmen – nach wie vor das wichtigste gewerkschaftspolitische Ziel der IG Metall und zentrale Forderung des DGB –, für die man sich im Hauptquartier der Bauarbeiter nie begeistern konnte, wird pflichtgemäß verbaler Tribut gezollt. Doch näher liegt der IG Bau die Mitwirkung in den Handelskammern, denn den Mitbestimmungs-Forderungen des DGB wären in der Bauwirtschaft nur zwei Dutzend Unternehmen unterworfen, und nur ein Viertel der Betriebe sind überhaupt groß genug, um einen Betriebsrat zu bilden.

Gewerkschaftspolitischem Höhenflug sind die Funktionäre an der Bockenheimer Landstraße abhold. Per Saldo können die Bauarbeiter jedoch mit dieser Strategie zufrieden sein: Die Bilanz von zwei Jahrzehnten Tarifpolitik weist einen Anstieg des Reallohns auf das Zweieinhalbfache aus; eine Zusatzversorgungskasse bessert die vergleichsweise niedrigen Altersrenten auf; statt Massenentlassungen vor Weihnachten und bei bauungünstigem Wetter gibt es Lohnausgleich für die Zeit der Jahreswende und Schlechtwettergeld bei Regen; Urlaubskassen sichern den Urlaubsanspruch und gearbeitet werden in der Woche regulär nur noch 40 statt 48 Stunden.

Nächste Folge: Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr.