Neu in Museen und Galerien:

Hamburg Bis zum 30. Juni, Galerie de Gestlo: „Jorge Stever“

Vor zwei Jahren war er völlig unbekannt, 1971, nach Ausstellungen in den Galerien Buchholz und Lichter, ein Geheimtip, 1972 als einziger deutscher Maler bei Leerings Realistenschau in Eindhoven, auf der documenta 5 wird er drei großformatige Bilder zeigen. Die steile Karriere des Jorge Stever, der 1940 in Templin geboren und in den USA aufgewachsen ist, danach in Mexiko, Haiti, Malta und London gelebt hat, bevor er nach Köln ging, ist exzeptionell für die deutsche Kunstszene, aber nicht unverdient. Jorge Stever hat eine Realismus-Variante entwickelt, die Auge und Intellekt, die Ansprüche des optischen Konsumenten und des Theoriebeflissenen in gleicher Weise zufriedenstellt. Ein (nach Leering) subjektiver Realismus, weil die dargestellten Dinge als bewußtseinsbezogen erfahren werden. Die Verbindung der Realitätsebenen, der Außen- und Innenwelt geschieht durch einen virtuos eingesetzten Illusionismus. Stever wählt beliebige Dinge aus seinem Atelier, Glasscheiben, Pinsel, Bänder, Papierfetzen oder neuerdings „Farbausmischungen“ in der engen Skala zwischen Schwarz und Grau, Arbeitsmaterial seiner Malerei, das er zum Bildthema macht. Die Bildgegenstände befinden sich vor einer hellen Wand, sie wölben sich heraus oder sind schräg an die Wand gelehnt oder stoßen in den Raum. Sie sind zum Greifen nah, griffbereit, und werden in die helle Fläche, in den Hintergrund zurückgenommen. Was Stever malt, was er meint, sind nicht die Dinge, sondern die Zwischenräume, die Distanzen, die Schatten, die sie werfen, die im Stil des trompe-l’aeil-Effekts Räumlichkeit suggerieren und diesen Effekt zugleich als Augentäuschung und Illusion entlarven.

Lübeck Bis zum 13. August, St.-Annen-Museum: „Deutsche Künstler zeichnen in Italien 1780-1860“

Dank seiner enormen Graphikbestände kann das Lübecker Museum die Romantikerzeichnung unter immer neuen Aspekten zur Schau stellen. Nach den „Schönsten Romantiker-Zeichnungen“ 1971 diesmal vorwiegend norddeutsche, Holsteiner Künstler, die ihr Italienerlebnis teils nüchtern und trocken, teils mit naivem Enthusiasmus zu Papier brachten. In diese zweite Kategorie der Schwärmer gehört Theodor Rehbenitz, den es aus Borstel in Holstein nach Perugia verschlagen hat und der seine Hingerissenheit von der Architektur, von den Mädchen, von der Casa Zanetti in einem leicht nazarenisch stilisierten Duktus aufzeichnet. Carl Julius Milde aus Hamburg ist mehr der trockene Typ, der auch in Italien hanseatische Contenance bewahrt (seine eigentliche Zeit ist erst die Nachromantik, das Biedermeier). Hauptfigur der Lübecker Ausstellung ist der völlig vergessene und entschieden originelle Panoramenmaler Carl Georg Enslen, der mit seinem Vater, einem Schausteller, durch Italien zog und dort die berühmtesten Rundblicke mit zeichnerischer Akribie festhalten mußte. Die Panoramen vom Markusplatz in Venedig, vom Forum in Pompeji, von der Piazza del Popolo in Rom wurden später in verdunkelten Räumen, geisterhaft beleuchtet, auf Jahrmärkten vorgeführt und sollen laut zeitgenössischen Berichten die Besuchermassen verzaubert haben. Die ausgestellten aquarellierten Zeichnungen haben sachliche Prägnanz und zusätzlich emotionale Attraktivität, die den beispiellosen Erfolg der Panoramen schon verständlich machen.

Gottfried Sello

Tübingen Bis zum 9. Juli, Kunsthalle: „Franz Erhard Walther“