Von Mario Lenzi

Hanoi im Juni

Dichte Dunstschwaden steigen vom Roten Fluß auf, während unsere Iljuschin 18 zur Landung auf dem Flughafen von Hanoi ansetzt. Reisfelder huschen hinter uns vorüber: eine scheinbar friedliche Welt, mit unendlicher Geduld von Bauernhänden bearbeitet. Dann plötzlich die ersten Bombentrichter, zertrümmerte Mauern, zerrissene Bambushütten. Auf dem Flugplatz die ersten vietnamesischen Soldaten, in Deckungslöcher gekauert. Nur ihre Augen sind unter den grünen Helmen zu sehen – und die Läufe ihrer gegen den Himmel gerichteten Maschinenpistolen ...

Um in die Stadt zu gelangen, muß man den Roten Fluß überschreiten, die große eiserne Brücke aber ist zerstört. Als wir uns mit dem Wagen der Pontonbrücke nähern, brüllt es aus unsichtbaren Lautsprechern. „Amerikanische Flugzeuge in 60 Kilometer Entfernung“, sagt mir der Dolmetscher.

Der Fluß ist hier vielleicht 350 Meter breit, ein träger, gelbbrauner Strom. Über den Steg der Pontonbrücke wälzt sich eine Masse von Frauen mit Hunderten von Fahrrädern und Kindern mit schweren Lasten auf den Schultern, in der Mitte ein ununterbrochener Strom von Lastwagen. Rittlings auf den Schwimmern der Pontonbrücke sitzend, sind Hunderte von Mädchen dabei, mit großen, leeren Konservenbüchsen pausenlos das durchsickernde Wasser herauszuschöpfen. Wieder brüllen die versteckten Lautsprecher. „Amerikanische Flugzeuge 30 Kilometer entfernt“, sagt mir der Dolmetscher.

Der Funktionär, der uns begleitet, zerrt mich am Arm, drückt mich zur Erde und setzt mir einen Stahlhelm auf. Kurz darauf in kaum 300 Meter Entfernung eine Rauchsäule, die Erde bebt, am Himmel flitzen zwei leichte Lichtstreifen vorüber: es sind Phantom-Bomber. Ich schaue auf die Brücke. Sie ist verlassen. Zurückgeblieben sind nur die Mädchen, rittlings auf den Schwimmern sitzend, an das Eisen angeklammert. Mit gesenkten Köpfen schöpfen sie noch immer rhythmisch das Wasser.

Dann herrscht plötzlich großes Schweigen. Die Phantoms sind verschwunden, auch die Flugzeugabwehr schweigt. Und schon setzt sich der Strom der Lastwagen und Fahrräder über den Fluß wieder in Bewegung, geordnet im Einbahnverkehr, ruhig, geduldig, gelassen. Von den Schiffen, die im Golf von Haiphong liegen, können die Phantom-Bomber in sechs bis sieben Minuten Hanoi erreichen. Von einem Augenblick zum anderen können sie sich auf diese Ansammlung von Menschen und Fahrzeugen stürzen. Und doch gibt es kein Zeichen von Nervosität.