Von Al Horowitz

Der Verfasser spielte schon mit sechs Jahren, seit nunmehr 59 Jahren, Schach. Er gehörte 1931, 1935 und 1937 zur amerikanischen Anwärtermannschaft für die Weltmeisterschaft und errang dreimal den Titel des USA-Champions. Von 1933 bis 1969 war er Herausgeber der Schachzeitschrift „Chess Review“. Gegenwärtig redigiert er die Schachspalte der „New York Times“.

Zum ersten Mal seit 71 Jahren bestreitet ein Nordamerikaner einen Wettkampf um die höchste Würde im Schachspiel: Am 2. Juli findet die erste Partie im Kampf des Herausforderers Robert (Bobby) Fischer gegen den russischen Titelinhaber Boris Spasskij statt.

Abgesehen von Samuel Reshevsky, der 1948 nach dem Tode Alexander Alechins an einem Turnier teilnahm, das den Nachfolger des Weltmeisters bestimmen sollte, und als vierter landete, hat kein Meister der USA einem „regierenden“ Weltmeister im Zweikampf gegenübergesessen, seitdem Frank Marshall 1901 vonEmanuel Lasker vernichtend geschlagen wurde.

Diese 71 Jahre stellen eine lange Periode vergeblicher Hoffnungen für die amerikanischen Schachfreunde dar – kein Wunder also, daß, wenn ein Landsmann sich nicht nur das Recht erkämpft hat, sich um die Weltmeisterschaft zu bewerben, sondern dabei als erklärter Favorit gelten darf, die amerikanische Schachgemeinde diesem Ereignis mit fieberhafter Spannung und Begeisterung entgegensieht.

Die amerikanischen Schachfreunde verfolgen Fischers Laufbahn seit dem Augenblick, wo er mit erst zwölf Jahren eine Spielstärke repräsentierte, die aufhorchen ließ und mit der man zu rechnen hatte. Als er dann zwei Jahre später, 1956, das Championat der USA zum ersten Mal gewann, prophezeiten ihm viele, daß er Weltmeister sein würde, noch ehe er alt genug zum Wählen wäre. Aber der Weg dahin erwies sich als steiler und mühsamer, als seine Bewunderer erwartet hatten, obgleich er mit fünfzehn Jahren der jüngste Großmeister war, den die Geschichte des Schachspiels aufzuweisen hat.

Der Weg zum Wettkampf hat nun unwahrscheinlicherweise nach Reykjavik, der Hauptstadt Islands, geführt, wo, wenn nichts mehr dazwischenkommt, der Kampf am 2. Juli anfängt. Es sollen bis zu 24 Partien gespielt werden; wer I2 1/2 Punkte erreicht, ist Sieger. Eine gewonnene Partie zählt als ein Punkt, ein Remis als ein halber. Endet der Wettkampf nach 24 Partien mit Gleichstand, behält der Weltmeister seinen Titel.

Der 35 Jahre alte Spasskij ist sechs Jahre älter als Fischer. Er errang den Titel 1969 gegen seinen Landsmann Tigran Petrossjan, nachdem er bei seinem ersten Versuch 1966 gegen ihn verloren hatte. Auch Spasskij war bereits als Jugendlicher Anwärter auf die Weltmeisterwürde, hatte aber, ähnlich wie Fischer, etliche ernüchternde Rückschläge einzustecken, ehe er sein Ziel erreichte. Er dürfte gegenwärtig auf der Höhe seiner Laufbahn stehen und könnte unter normalen Umständen seinen Titel noch eine gute Reihe von Jahren behalten.

Trotzdem sind die meisten amerikanischen Experten der festen Meinung – was allerdings vielfach auf Wunschdenken beruhen mag, die aber auch von Kundigen in aller Welt geteilt wird –, daß der derzeitige Weltmeister der entschieden Schwächere sei. Der Präsident des Internationalen Schachverbandes, Dr. Max Euwe, der selber einmal Weltmeister war, soll vor einigen Monaten geäußert haben, Fischer habe eine 3:2-Chance, den Kampf zu gewinnen – immerhin ein ansehnlicher Wettvorsprung zugunsten des Herausforderers.

Worauf, darf man fragen, gründen maßgebliche Kenner eine so optimistische Voraussage der Chancen Fischers? Bestimmt nicht auf die schon früher gewechselten Partien der beiden Gegner, denn da steht das Ergebnis 3:0 (bei 2 Remisen) für Spasskij. Jedoch ergibt eine sorgfältige Analyse dieser Partien ein mit dem Resultat nicht übereinstimmendes Bild. Als Fischer zum ersten Mal, mit erst sechzehn Jahren, auf einem Turnier in Mar del Plata, Argentinien, 1960 auf Spasskij traf, entstand ein ziemlich wildes Handgemenge, bei dem Fischer Gewinnchancen hatte, aber sich kombinatorisch verhedderte und verlor.

Spasskij siegte 1966 zum zweiten Mal, als Fischer in gleichwertiger Position einen Fehler machte und einer brillanten Attacke unterlag. Als Spasskij auf der Schach-Olympiade 1970 Fischer zum dritten Mal schlug, gelang ihm dies, weil Fischer in der amerikanischen Mannschaft, die gegen die Russen unterlag, zu gewagt spielte und sich am Schluß förmlich überschlug. Natürlich können Spasskijs drei Gewinnpartien ohne einen einzigen Verlust gegen Fischer nicht gut mit ein paar unsachlichen und glatten Kommentaren abgetan werden, aber doch weisen genauere Analysen darauf hin, daß sie durchaus keine so einseitige Überlegenheit des Siegers aufzeigen.

Worauf die Kenner ihre Urteile stützen, und mit Recht stützen, sind die Leistungen der beiden Kontrahenten in den vergangenen Jahren. Auf diesen fußend hat Fischer einen bedeutenden Vorsprung, und hätte ihn auch dann, wenn Spasskijs Resultate weit eindrucksvoller gewesen wären. Um das Recht, sich um die Weltmeisterschaft zu bewerben, hatte Fischer zunächst eine Serie von Anwärterwettkämpfen gegen einige der stärksten Spieler der Welt zu bestehen, und bestand sie in ganz außerordentlichem Stil.

Zuerst besiegte er den russischen Großmeister Mark Tajmanow in einem Wettkampf in Vancouver im Mai 1971 mit dem unglaublichen Punktergebnis 6:0, was bei einem solchen Wettkampf ohne Beispiel ist. Dann schlug er im August in Denver, USA, den dänischen Großmeister Bern Larsen, der ebenfalls zur Spitzenklasse der Welt gehört, mit dem gleichen Ergebnis – 6 : 0. Und endlich, um alledem die Krone aufzusetzen, fertigte er den früheren Weltmeister Petrowitsch vorigen November im Wettkampf zu Buenos Aires mit 6 1/2 :2 1/2 ab.

Demgegenüber hatte sich Spasskij seit der Erringung des Titels mit einer ganzen Serie von unscheinbaren Resultaten abzufinden. Sein letztes Auftreten fand voriges Jahr in einem Moskauer Turnier statt, wo er mit etlichen Remisen als Sechster landete – was bei so starker Gegnerschaft nicht einmal blamabel, aber doch im Vergleich zu Fischers kolossalen Schachtaten nur ein bläßliches Schauspiel ist.

Maßgeblich für die Bewertung der letzten Resultate eines Spielers ist ein Berechnungssystem, das von Professor Arpad Elo von der Marquetta-Universität ausgearbeitet wurde, seit langem in den USA in Gebrauch ist und neuerdings vom Internationalen Schachverband übernommen wurde. Es basiert auf einer komplizierten Tabelle, die die Turnier- und Matchergebnisse eines Spielers zu einem Zahlenwert zusammenfaßt und eine Handhabe zur Voraussage künftiger Ergebnisse liefert. Dabei rangiert Spasskij gegenwärtig mit dem handfesten Stellwert 2690, wobei zu bemerken ist, daß alle Werte, die über 2500 liegen, großmeisterliches Spitzenniveau bedeuten.

Aber Bob Fischers Stell wert liegt nun gar auf 2824, bei weitem die höchste Bewertung, die jemals erzielt wurde und die ganz dazu angetan ist, auch den nüchternsten Statistiker in einen Taumel der Begeisterung zu versetzen.

Demgemäß geht die mathematische Berechnung dahin, daß Fischer es nicht schwer haben dürfte,

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die Sache mit 12 1/2 zu 8 1/2 zu seinen Gunsten zu entscheiden. Das stimmte, anders formuliert, mit der Meinung Dr. Euwes überein, zu der er mehr intuitiv gelangt ist: daß Fischer ein Resultat von annähernd 3:2 erzielt.

Selbstverständlich werden Schachwettkämpfe nicht nach Wahrscheinlichkeitsberechnungen, sondern am Brett entschieden. Fischer ist seinem Gegner sowohl in punkto Technik wie in punkto Temperament überlegen. Sein Spiel weist weniger verwundbare Stellen auf. Spasskij hat letzthin persönliche Mißhelligkeiten zu erleiden gehabt, die sich ungünstig auf seine Konzentrationsfähigkeit auswirkten, während Bobby Fischers ganzes Leben ausschließlich dem Schach gewidmet ist. Wenngleich einzuräumen ist, daß ein Spieler, der einmal die Weltmeisterwürde errungen hat, selbstverständlich imstande ist, es mit jedem Gegner jederzeit aufzunehmen, ist dennoch die Schlußfolgerung unvermeidlich: daß Fischer gewinnen wird, und zwar höchstwahrscheinlich in großem Stil.

Fischer verfügt über ein unvergleichliches Repertoire. Er kennt sich bestens in den Spiel- und Stilmethoden aus den Tagen Alechins, Pillsburys oder Emanuel Laskers aus, wobei er übrigens Lasker einen zu niedrigen Platz in seiner Wertetabelle zugesteht.

Fischers Qualitäten

Fischer beherrscht jegliche Spielart des Schachs, ob modern, hypermodern oder wechselweise. Bei diesen Methoden ist die Besetzung oder Kontrolle des Zentrums vorrangig, obgleich es im hypermodernen Schach paradoxerweise vorkommt, daß das Zentrum dem Gegner überlassen wird. Zwar stimmen alle Großmeister darin überein, daß die Beherrschung des Zentrums von Wichtigkeit ist, aber doch kann ein Hypermoderner den Gegner zum Vorrücken in die Zentralfelder verlocken. Warum das?

Bei der Eröffnungsphase sind die Pläne des Meisters auf weite Sicht angelegt. Er weicht und gibt freiwillig das Zentralgebiet preis. Während des Fortganges der Entwicklung richtet er seine Manöver darauf aus, die Kontrolle über das Zentrum wiederzugewinnen; ist ihm dies gelungen, so hält er das Terrain fest und gibt es nicht wieder auf. Es versteht sich, daß, je geschickter und kundiger ein Spieler ist, je weiter die Register sind, die er zieht, und je mehr Technik er beherrscht, die Partie desto feiner und gehaltvoller ist. Eben darin liegen Fischers Qualitäten.

Hypermodern bevorzugt

Der russische Großmeister Geller wurde im Laufe einer Partie von Fischer aufgerieben – Fischer führte eine Stellung, die von den Kundigen allgemein als Remis eingeschätzt wurde, zum Sieg. In seinem Kampf mit Tajmanow griff Fischer zu der nur wenig bekannten Taktik des sogenannten Zugzwangs, das heißt, er zwang den Gegner gegen dessen Willen zu einem Zug, der Verlust bedeutete. Fischer ist im übrigen ein ausgepichter Endspielexperte und wendet in vielen seiner Partien hypermoderne Methoden an. Er ist kein ausgesprochener Angriffsspieler, läßt sich aber unter keinen Umständen auf eine Einigelung ein.

Soweit die Chancen gleich zu gleich stehen, besitzt Fischer ein enormes Selbstvertrauen – und mit Selbstvertrauen kann man Partien gewinnen. Dieses und der Siegeswille bringen eine geistige Zündung zuwege, gebären Einfälle, zerstreuen Zweifel und fördern Klarheit des Denkens. Im Gegensatz dazu wirkt Zaghaftigkeit verwirrend, hemmend und bringt sich selber zu Fall.

Wie dem auch sei – irgendwer hat einmal zu Bobby gesagt, die Wetten stünden etwa drei zu eins zu seinen Gunsten.

„Was?“ hat er erwidert. „Die Wetten sollten zwanzig zu eins für mich stehen.“

Für die ZEIT aus dem Amerikanischen von Martin Beheim-Schwarzbach