Von Hermann Bößenecker

Auf der Suche nach einem starken Partner verhandelt Wolf Freiherr von Hornstein gegenwärtig nach allen Seiten, „... nur nicht mit den Polen und den Russen“. Der Geschäftsführer der renommierten Tonbandgerätefirma Uher-Werke München GmbH & Co. KG muß sich nach einem Interessenten umschauen. „Weil“, so Hornstein, „wir uns in unserem eigenen Erfolg verfangen haben.“ Die Expansion der bayerischen Unterhaltungselektroniker war in den letzten Jahren so stürmisch, daß sich heute eine Finanzklemme abzeichnet. Grund der Klemme: Während die Umsätze wuchsen, schrumpften die Gewinne.

Doch der alleinige Uher-Inhaber, der bayerische Millionär, Großgrundbesitzer und Bierbrauer Graf Hans-Veit zu Toerring-Jettenbach, scheut jedes weitere finanzielle Engagement. Insgesamt hat die noble Familie der Toerring-Jettenbach bisher 15 Millionen in die Tonbandmanufaktur gesteckt. Das Kapital aber hat sich offensichtlich nicht so verzinst, wie es die Adelsfamilie für angemessen hält.

Geschäftsführer Hornstein sieht nun eine finanzielle Gesundung aus eigener Kraft als „sympathischste Lösung“, hierbei wäre allerdings eine Finanzspritze vom bayerischen Staat unumgänglich. Die zweite attraktive Möglichkeit: Anlehnung an einen ausländischen Partner. Hornsteins Gespräche mit einem japanischen Unternehmen sind offensichtlich schon weit gediehen.

Uhers Erfolgsstory ist voller abenteuerlicher Züge. Der Mann, der dem Werk den Namen gab, der Ungar Edmond Uher, ist heute 80 Jahre alt. Dieser „amüsante und technisch begabte“ Emigrant hatte neben der Firma Uher auch die Süddeutschen Mechanischen Werkstätten (SMW) in München gegründet. Die SMW gingen 1949 in den Besitz Baron von Hornsteins über.

Da die SMW im gleichen Haus wie Uher saß, kam Hornstein mit dem alten Grafen Carl Theodor zu Toerring-Jettenbach zusammen, der sich mit einer Million Mark an „Mondi“ Uhers Firma beteiligt hatte. Der Graf hatte sich glücklos beteiligt: Das Geld war schnell verloren. Der adlige Anleger machte von Hornstein zum Uher-Geschäftsführer und gab ihm den Auftrag, das Unternehmen möglichst gewinnbringend aufzulösen. Doch der Baron besorgte Lohnaufträge für die 65 Beschäftigten.

Der adlige Geschäftsführer stieß 1953 am Münchner Odeonsplatz an einer Straßenbahnhaltestelle auf einen Amerikaner. Der Mann war von Hornstein aufgefallen, weil er Konstruktionszeichnungen für ein elektronisches Bauteil unter dem Arm hatte, die er zu einer anderen Firma tragen wollte. „Ich drehte den Mann um, und Uher bekam den Auftrag.“ Als dann einige Zeit später ein amerikanischer Oberst die erste Handvoll Dollars bei Uher auf den Tisch häufelte, ließ sich auch der Graf zum Weitermachen bewegen.

Wenig später klopfte ein Erfinder bei Uher an und wollte ein Tonbandgerät bauen lassen. Von Hornstein lehnte erst ab: „Davon verstehen wir nichts.“ Später wurde das Tonbandgerät im Lohnauftrag bei Uher hergestellt, aber es gab damit immer neue Pannen, so daß Hornstein das vielseitige Team seiner SMW einschaltete.

Denn der noble Geschäftsmann von Hornstein hatte nicht nur bei Uher die Geschäfte für den Grafen Toerring-Jettenbach geführt, er hatte auch sein eigenes Unternehmen, die Firma SMW, weiter hochgepäppelt. Dem doppelten Geschäftsführer von Hornstein gelang mit dem ersten Tonband eine dauerhafte Verbindung beider Firmen: Zwischen SMW und Uher wurde ein langfristiger Entwicklungs- und Know-how-Vertrag geschlossen, der auch heute noch gilt. So hat die SMW nicht nur das erste Erfolgsgerät – das Tonbandgerät „Uher 95“ – sondern auch alle folgenden Geräte für Uher entwickelt.

1957 kamen die ersten Geräte auf den Markt. Zuerst stellte man sich auf 10 000 Stück jährlich, später auf 20 000 ein, doch dann kamen neue Typen hinzu, und es wurden 80 000 daraus. 1960 wurden zehn Millionen und 1965 schon 38 Millionen Mark umgesetzt. Die Nachfrage stieg sprunghaft an.

Da entschlossen sich der Baron und der junge Graf Hans-Veit, der mittlerweile an die Stelle seines Vaters getreten war, die Produktion scharf hochzufahren. Man war allerdings weder vom Kapital noch von der Verwaltung her auch nur annähernd darauf vorbereitet. Von 1968 bis 1970, in zwei Jahren, wurde der Umsatz, der seit 1966 bei rund 50 Millionen Mark stagniert hatte, auf 102 Millionen Mark verdoppelt. Die Jahresproduktion kletterte auf 180 000 Geräte, die Belegschaft wuchs auf über 1500 Personen.

Dieser Kraftakt, bei dem der heute 37jährige gräfliche Junior zunächst „phantastisch mitzog“ (Hornstein), fiel zu allem Überfluß auch noch in eine gesamtwirtschaftlich etwas kritische Phase. Erlöseinbußen im Export (Floating und DM-Aufwertung) ließen die Gewinne schmelzen.

Dennoch legt der 54jährige Baron Hornstein Wert darauf, daß es noch keine „Liquiditätslücke“ gibt. „Die Jahre 1972 und 1973 kann ich noch ohne weiteres selbst finanzieren.“ Es geht ihm vielmehr darum, jetzt, da der „strahlende Glanz“ des Namens Uher durch mancherlei Spekulationen angekratzt wurde, die Zukunft des Unternehmens längerfristig zu sichern. „Ich denke an die Jahre 1974 bis 1980, für sie brauchen wir eine feste finanzielle Basis.“

Dabei hat von Hornstein allerdings dafür Verständnis, daß der superreiche Adlige das Vermögen seiner Familie, über das er ohnedies nicht allein verfügen kann, nicht angreifen will – weil er um die Substanz fürchtet.

Der Graf scheint sogar bereit, sich von Uher zu trennen. Die Frage ist nur, zu welchem Preis. Es liegt auf der Hand, daß die expansionsgeschädigte Bilanz und die beengte Ertragslage den Preis gegenwärtig drücken. Umsatzvolumen, hervorragende Technik, Entwicklungspotential und goodwill würden dabei kaum so stark ins Gewicht fallen, wie es angemessen wäre. Dazu kommt, daß ein Käufer nicht nur den bisherigen Eigentümer abfinden, sondern im Laufe der nächsten Jahre auch noch an die 15 Millionen Mark in das gekaufte Unternehmen stecken müßte.

Wer aber in der Bundesrepublik oder in Europa ist bereit, nach dieser Rechnung etwa 35 bis 40 Millionen Mark hinzulegen? Baron Hornstein wünscht sich einen Partner „der uns braucht, um sein eigenes Programm zu vervollständigen“, der also aus der Branche oder mindestens einem verwandten Industriezweig kommt.

Im bayerischen Wirtschaftsministerium überlegt man demgegenüber, wie man Uher helfen und verhindern kann, daß das heimische Renommierunternehmen in „fremde Hände“ übergeht. Wirtschaftsminister Anton Jaumann hat das vage Gefühl, daß sich hier ein Modell finden lassen müßte. Von Hornstein befürchtet allerdings, daß Emotionen auch politisch hochgespielt werden, wenn der Staat der an Kapitalmangel leidenden Firma eines millionenschweren Aristokraten bei der Überwindung ihrer Wachstumsprobleme hilft.

Mit 15 Millionen Mark Eigenkapital oder „ähnlichen“ langfristigen Geldern ließe sich nach Meinung Hornsteins die finanzielle Basis des Unternehmens dauerhaft absichern. Hornstein pointiert: „Geld allein braucht Uher nicht.“ Er wünscht sich einen Partner, der die Dynamik durch eine unternehmerische Konzeption neu ankurbelt und die Marktposition verbessert. „Wir brauchen jemanden, der uns braucht, der durch uns gewinnt.“