Von Nina Grunenberg

Ein Ort, der als Basis für Neurosen ebenso berühmt geworden ist wie als Nährboden für geistige Kapazitäten, ist das evangelische Pfarrhaus. Als die Präsidenten der deutschen Wissenschaftsorganisationen 1970 mit Professor Leussink durch die Sowjetunion fuhren, stellten sie überrascht fest, daß drei der fünf Reisenden Pastorensöhne waren – Julius Speer, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Hans Rumpf, damals noch Präsident der Rektorenkonferenz, und Reimar Lüst, bis zu diesem Frühjahr Vorsitzender des Wissenschaftsrates.

Einer von ihnen wird diesen Freitag in das bedeutendste Amt eingeführt, das es hierzulande zur "Pflege der Wissenschaften" gibt: Als Nachfolger von Adolf Butenandt wird Reimar Lüst Präsident der Max-Planck-Gesellschaft und damit protokollarisch Nummer eins in der Gelehrtenrepublik. Wissenschaftlich gehörte er schon lange vorher zu jenen raren Solisten, von deren schöpferischen Talenten die Max-Planck-Gesellschaft ihr wissenschaftliches Renommee wie auch ihre Forscher-Philosophie vom "hervorragenden Gelehrten" herleitet.

Am bekanntesten geworden ist Lüsts geistreiches Experiment zur Erforschung des Magnetfeldes in der hohen Atmosphäre. Er entlieh dafür einen Trick von den Biologen, die ihre mikroskopischen Präparate färben, um Strukturen sichtbar zu machen: sein Färbemittel war Barium, das von einer Rakete als Wolke in den Weltraum ausgestoßen wurde. Das changierend leuchtende Barium machte zum erstenmal die magnetischen Feldlinien unseres Planeten erkennbar. Lüst lieferte damit ein wertvolles Stück neuer Information über die Physik der Erde und des Sonnensystems.

Unter den Astrophysikern in Ost und West gilt der 48jährige Wuppertaler als einer der bedeutendsten Köpfe. "Das ist so ein unprätentiöser Mann", beschreibt ihn ein: Kollege, "der Wissenschaft vor sich hinstrickt, und wenn das Ergebnis veröffentlicht wird, hält die Fachwelt den Atem an." Es gibt deshalb auch Leute, die sich fragen, ob es nötig und sinnvoll ist, daß sich ein solcher Mann fortan nur noch der Organisation der Wissenschaft zuwendet, statt der eigenen Forschung. Als Direktor der Abteilung für extraterrestrische Physik am Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in Garching bei München ist Lüst inzwischen zurückgetreten.

Seine Wahl macht deutlich, daß die Max-Planck-Gesellschaft wenig Auswahl hatte, als es galt, zum vierten Male seit 1945 den passenden Präsidenten zu finden. Das liegt zum einen an ihrem Grundsatz, daß der Beste gerade noch gut genug für sie sei, zum anderen aber auch an ihrem Wunsch, eine Wunderwaffe für schwere Zeiten zu finden. Doch das war schon immer so.

Als die Besatzungsmächte 1945 fest entschlossen schienen, die damals noch nach Kaiser Wilhelm benannte Gelehrten-Gesellschaft zu liquidieren, wurde der 87jährige Max Planck gebeten, noch einmal die Leitung zu übernehmen und die Gesellschaft durch seine Persönlichkeit und sein internationales Ansehen vor dem Untergang zu bewahren. Als sie von 1948 an offiziell unter dem Namen Max Plancks weiterleben durfte, wurde Otto Hahn zum Präsidenten bestellt – ebenfalls ein Name, der in schwierigen Zeiten Wunder wirkte. Auf ihn folgte 1960 der Biologie-Nobelpreisträger Adolf Butenandt. Wunder wirkte er im Bereich der Finanzen. Es war "Butenandts Zorn" über die unzureichende Einschätzung der Wissenschaft durch die Politiker und andere Verteiler von Steuergeldern, der der Gesellschaft in den sechziger Jahren zu den höchsten Zuwachsraten verhalf.