Auszüge aus einer Erklärung Heinrich Bölls zu seinen Äußerungen in der "Monitor"-Sendung vom 12. Juni 1972:

"5. Einige Tage später besorgte ich mir den Text der Bundestagsdebatte, las ihn, und es lief mir eiskalt den Rücken herunter, nicht, weil mein Name gefallen war, sondern weil ich feststellen konnte, daß die CDU/CSU offenbar entschlossen gewesen war, sich beim Problem "innere Sicherheit" auf eine Intellektuellenhetze einzuschießen; beachtet man vor allem auch die Zwischenrufe, so hat man den Eindruck, als Wäre die Bundesrepublik Deutschland ernsthaft bedroht, nun nicht mehr von der BM-Gruppe (da inzwischen auch Gudrun Ensslin gefaßt worden war), sondern von den Helfershelfern, den Humuslieferanten. Die einzigen Politiker, die Widersprüche äußerten, waren Bundeskanzler Willy Brandt, einige Abgeordnete der FDP und SPD. Kein einziger Abgeordneter der CDU/CSU widersprach auch nur mit einem Wort diesem Wahnsinn, der drauf hinauslief, jegliches Differenzieren zu kriminalisieren.

9. Bevor ich zu dem Monitor-Interview fuhr, las ich das Protokoll der Bundestagssitzung noch einmal. Das Gruseln kam wieder und blieb. Was ich innerhalb der drei Minuten, die mir blieben, um das Wichtigste zu sagen, sagte, entsprach meiner Einsicht, meiner Stimmung und meinem Zustand. Stimmung und Zustand wechseln; die Einsicht ist geblieben, daß jede, aber auch jede intellektuelle Arbeit (in die ich auch wissenschaftliche Arbeit einschließe) unmöglich wird, wenn differenziertes Betrachten und Analysieren von Problemen kriminalisiert wird. Was der CDU/CSU vorzuschweben scheint, ist nicht irgendeine Art von besserem Humus, sondern Wüstensand. Ich gebe zu: ich hatte Angst und die Nerven verloren (wer je in einen Nervenkrieg verwickelt war, wird das verstehen). Die Angst habe ich noch, der Zustand meiner Nerven bessert sich. Ich will versuchen, die Angst zu erklären: ich hätte möglicherweise z. B. gern ein Gedicht, einen Essay über die 150 000 Polizeibeamten geschrieben oder über den körperlichen Zustand von Meins, Raspe und Gudrun Ensslin. Ich habe das nicht getan, nicht nur, weil ich den Dreck fürchte, der kübelweise von Springer- und jeglicher Sorte christlicher Zeitungen zu befürchten ist, auch, weil ich mir die Frage stellte: lohnt sich das?

10. Reduziert man das Problem um mich und meinen Namen (ich werde schon fertig mit diesem Problem) und stellt sich vor, welch einer Einschüchterung Tausende oder gar Zehntausende von Lehrern, Redakteuren, Autoren, Professoren ausgeliefert sind, dann ist der Ausdruck Intellektuellenhetze berechtigt, zumal das Gerede von den "geistigen Vätern" weitergeht. Die Diskriminierung von Helmut Gollwitzer etwa ist ein Verbrechen, weil er für viele junge Leute die einzige Autorität aus seiner, einer älteren Generation, ist. Eine Demokratie, in der "Einzelkämpfern" eine solche Last aufgebürdet wird, ist in Gefahr. Demokratische Verfassung, demokratische Regierung sind permanent in Gefahr, wenn nicht demokratisches Selbstverständnis herrscht...

11. Es ist die Stunde der liberalen und konservativen Presse in diesem Land. Es kann ihnen nicht daran liegen, daß Tendenzen, wie sie am 7. Juni 1972 bei der CDU/CSU-Fraktion sichtbar und hörbar wurden, auch nur die geringste Chance haben, Wählerstimmen einzubringen; und daß Politiker Angst haben müssen, gegen die Intellektuellenhetze öffentlich aufzutreten, weil sie dann um Wählerstimlen fürchten müssen. Selbst der konservativste Intellektuelle oder Wissenschaftler weiß, daß geistige Arbeit ohne Risiko keine mehr ist..."