Von Arnulf Baring

Er könne in diesem gegenwärtigen Hetzklima bei uns nicht arbeiten, und in einem Lande, in dem er nicht arbeiten könne, könne er auch nicht leben. Es mache ihn wahnsinnig, sich ewig gehetzt zu fühlen, denunziert zu sein. Das sagte Heinrich Böll letzte Woche im Fernsehen. In einem offenen Brief an den Bundestag traten ihm 14 Schriftsteller zur Seite, erklärten sich solidarisch und warnten vor einer „abermaligen Zerstörung der Keime einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Deutschland unter dem Vorwand ihrer Verteidigung“; auch die Herrschaft des Nationalsozialismus habe mit einer Hetze gegen die Intellektuellen begonnen, hieß es da.

Schriftsteller sind leicht erregbar und – wie sollte es anders sein – moralisch besonders sensibel. Aber auch ein nüchterner Mann wie der Kölner Strafrechtler Ulrich Klug spricht von „pauschalen Diffamierungen“, von einer „widerwärtigen Anti-Intellektuellen-Hetze“; man greife Böll an, meine aber in Wahrheit „die ‚ganze Bande‘, die auf dem Felde des Geistes und damit der Kritik arbeitet“. So könnte, fürchtet Klug, eine am Ende unsere Freiheit gefährdende, ansteckende Krankheit unserer Gesellschaft beginnen.

Offenbar haben sich bereits viele angesteckt. Zu fragen ist aber: Sind alle diese Worte nicht viel zu dramatisch, werden die Gefahren nicht maßlos übertrieben, grenzt es nicht ans Lächerliche, wenn man so tut, als stünde der Faschismus vor der Tür? Die Unterzeichner solcher Erklärungen setzen sich genau dem gleichen Vorwurf aus, den sie anderen zu Recht machen, nämlich das notwendige Unterscheidungsvermögen vermissen zu lassen. Wieso eigentlich soll die Feststellung, daß die Gruppe B + M sich kaum zwei Jahre hätte halten können, wenn sie nicht einen Kreis von Helfern gehabt hätte (einen Kreis, wohlgemerkt) – wieso soll das Hetze gegen die Intellektuellen sein, zu denen auch wir uns rechnen? Kein ernst zu nehmender Mensch hat behauptet, es handele sich um eine ganze Bevölkerungsgruppe.

Wer alles in einen Topf wirft, wer – wie Herbert Kremp – akademische Untersuchungen und publizistische Deutungen verurteilt, die „die terroristischen Taten entweder zu erklären oder zu entschuldigen oder gar zu billigen“ versucht haben, wer also zwischen Klärung und Billigung keinen Unterschied zu machen versteht, der rührt auf unlautere Weise alles durcheinander, was säuberlich getrennt werden muß.

Man soll die Krise an einigen Universitäten nicht bagatellisieren. Man muß sich Gedanken über Anwälte machen, die sich mit Terroristen solidarisieren, über Pfarrer, die Mitglieder der Kommunistischen Partei sind, aber wer deshalb von einer „Diktatur der Linken“ redet oder wie Günter Zehm behauptet, „daß man heute von der Bundesrepublik nur noch mit Einschränkungen als von einem freien Lande sprechen kann“, der weiß einfach nicht, wovon er redet.

Es ist nicht weniger absurd, wenn umgekehrt, Professor Jürgen Seifert von „Gestapomethoden“ bei der Verfolgung der Baader-Meinhof-Gruppe redet oder Heinrich Böll sich von einer – wie er sagt – Welle der Hetze oder Denunziation aus diesem Lande getrieben fühlt – und dies, weil zwei seiner Gäste (wie andere Staatsbürger in solchen Situationen auch) übereifrigen Polizisten ihre Ausweise vorzeigen mußten.