Von Karl-Heinz Arndt

Gedrängt, doch einen Tip zu wagen, gab der Bundestrainer des Deutschen Segler-Verbandes, der Ungar Albin Molnar, schließlich zu, daß er mit zwei Medaillen für die sechs Boote der Bundesrepublik rechne. Am Ende der Kieler Woche, 81 Tage vor der ersten der sieben olympischen Wettfahrten in der Kieler Bucht, fühlten sich die deutschen Segler jedenfalls durchaus nicht in Lee der Weltklasse, in gleichsam hoffnungsloser Position. Waren die Kieler-Woche-Regatten schon olympischer Kampf gewesen, hätten die Segler der Bundesrepublik eine Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille erhalten; und die Segler der DDR hätten eine Silber- und eine Bronzemedaille gewonnen.

Doch so zu zählen wäre eine Medaillenmilchmädchenrechnung. Die Kieler Woche mit Teilnehmern aus 33 Nationen bot zwar durchaus Vergleichsmöglichkeiten. Aber ganz abgesehen davon, daß eine auch im Segeln so starke Sportnation wie die USA nicht dabei war, segelten gerade einige der sonst erfolgreichsten Steuerleute nicht „auf Sieg“. Für viele waren die Regatten wettkampfmäßiges Training, in dem sie noch allerlei Experimente an Boot, Mast, Segel vornehmen konnten. Andere waren vor allem darauf bedacht, besser als die Rivalen aus dem eigenen Land zu sein; denn in einigen Teams ging es hier schon um die Qualifikation zu den Olympia-Wettfahrten, wobei es ziemlich gleichgültig blieb, ob bei solchen nationalen Bord-an-Bord-Duellen irgendein Konkurrent eines anderen Landes davonzog. Und schließlich waren die deutschen Segler jedenfalls noch einigermaßen frei vom Olympia-Streß. Ihre Qualifikationen begannen erst nach der Kieler Woche.

Den einzigen deutschen Gesamtsieg in den sechs olympischen Bootsklassen erzielte eine Crew vom Tegernsee: Heinz Laprell und sein Vorschotmann Wolf Stadler, der eine Medizin-, der andere Jurastudent in München, beide Jahrgang 1947, siegten im Tempest, der neuen Zwei-Mann-Kielbootklasse. In dieser Klasse hatten deutsche Segler, gegenüber britischer Konkurrenz besonders, international bislang nur geringe Chancen. Daß Laprell sein Boot nicht mit mehr oder minder Glück, sondern dank ausgezeichneter Technik und Taktik auf den ersten Platz der Gesamtwertung steuerte, beweisen die Tagesergebnisse: 2., 1., 2., 3., (8.) und 4. unter vierzig Rivalen (das schlechteste Tagesergebnis, der achte Platz, wurde laut Reglement für die Endwertung gestrichen).

Im Flying Dutchman, der Zwei-Mann-Jolle, blieb der Hamburger Uli Libor wieder einmal Zweiter hinter dem Briten Rodney Pattisson. So war es schon bei den olympischen Wettfahrten 1968 vor Acapulco: Goldmedaille für Pattisson, Silbermedaille für Libor. Der Brite, Marineoffizier von Beruf, belegte durchweg erste Plätze. Wenn man im Segelsport überhaupt von Olympia-Favoriten sprechen darf: Er ist da Nummer eins. Dritter in der Kieler Woche wurden im „Fliegenden Holländer“, dieser schnellsten olympischen Bootsklasse, Herbert Hüttner aus der DDR.

Der erfolgreichste Segler der DDR saß im Finndinghi, in der Ein-Mann-Jolle: Bernd Dehmel wurde in dieser Klasse Zweiter hinter dem Schweden Thomas Lundquist, der Inhaber des Finn-Goldpokals und damit Weltmeister ist.

Eher enttäuschend schnitt im Starboot Deutschlands wohl populärster Segler ab, der Finndinghi-Olympiasieger von 1964, Willi Kuhweide. Ein bißchen freilich vom Pech verfolgt, mußte er sich mit dem dritten Platz begnügen. Im Februar war er vor Caracas Weltmeister im Starboot geworden. Jetzt siegte der Mann, den er damals schlug, der Brasilianer Jörg Bruder; und Zweiter wurde Pelle Pettersson, einer aus dem halben Dutzend schwedischer Weltklasse-Steuerleute..