Agrarminister Josef Ertl trotzte seinem Kontrahenten, Wirtschafts und Finanzminister Karl Schiller, 700 Millionen Mark für die Bauern ab. Um Ertl, der gerade im Krankenhaus lag, Hilfestellung zu leisten, eilten Kanzler, Minister (Horst Ehmke und Walter Scheel) und Abgeordnete (FDP-Fraktionschef Wolfgang Mischnick und SPD-Landwirtschaftsexperte Martin Schmidt aus Gellersen) in die Klinik auf dem Bonner Venusberg. Karl Schiller verpflichtete sich, bei diesem Krankenhausbesuch einen Vorschlag zu präsentieren, wer für die Millionen zur Kasse gebeten werden soll.

Ertl und Schiller hatten sich über den Ausgleich des durch die Mark-Aufwertung bedingten Einkommensverlustes der Landwirte zerstritten. Verluste entstehen bei Paritätsänderungen, weil die EWG-Agrarpreise auf den grünen Dollar fixiert sind. Seit der Währungs-Vereinbarung vom letzten Dezember, als die Mark gegenüber dem Dollar um 4,61 und die Benelux-Währungen um 2,76 Prozent aufgewertet wurden, sanken die Preise für die deutschen Agrarprodukte um die Prozentdifferenz von 1,85. Die Agrarier rechnen, daß sie mit jedem Prozent Aufwertung 250 Millionen Einkommen verlieren, bei 1,85 Prozent mithin 470 Millionen Mark.

Bonns Finanzchef Karl Schiller versuchte vergeblich, Ertl von diesem Betrag rund 100 Millionen abzuhandeln. Aber der Landwirtschaftsminister blieb hart und verschaffte den Bauern gar noch 200 Millionen zusätzlich. Das Aufgeld ist als Kompensation für die gestiegenen Betriebsmittelpreise gedacht. Durch verteuerte Betriebsmittel stieg in den letzten Jahren die „Vorsteuerbelastung“ der landwirtschaftlichen Betriebe erheblich.

Nicht nur über die Summe, sondern auch darüber, wie das Geld in die Kassen der Landwirte fließen soll, einigten sich der kranke Minister und die Klinikbesucher: Statt acht Prozent dürfen die Bauern künftig 10,5 Prozent Vorsteuerpauschale beanspruchen. Karl Schiller muß jetzt nur noch darüber entscheiden, ob das 700-MilIionen-Minus zu Lasten der öffentlichen Kassen gehen soll oder ob der Verbraucher zahlen muß.

Wenn der ermäßigte Mehrwertsteuer-’ satz für Agrarprodukte, Bücher, Zeitschriften und Kunstwerke von 5,5 auf 6,5 Prozent angehoben werden sollte, fließen dem Fiskus 840 Millionen Mark zu. Schiller hätte darn noch Reserven, um einen „sozialen“ niedrigeren Mehrwertsteuersatz für lebensnotwendige Nahrungsmittel zu finanzieren.

Wie stark die mögliche Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes auf die Verbraucherpreise durchschlagen wird, ist noch ungewiß. Gewiß ist jedoch, daß Minister Schiller den Bundesbürgern nicht vor dem 1. Januar 1973 neue Mehrwertsteuersätze präsentieren wird.