Beobachtungen und Gespräche an drei Universitäten

Als Präsident Nixon am Abend des 8. Mai im Fernsehen die Verminung der nordvietnamesischen Häfen bekanntgab, brach im ganzen Land der Protest der Studenten aus, mit einer Intensität, die viele Beobachter an die Reaktionen auf die Kambodscha-Invasion 1970 erinnerte. Dieses politische Engagement stand im Widerspruch zu dem, was ich in europäischen Zeitungen gelesen hatte: auf dem Campus seien längst wieder Ruhe und Ordnung eingekehrt, die Revolution sei vergessen, die amerikanischen Studenten würden sich der Resignation und Apathie hingeben oder wieder fleißig büffeln. Ich fragte, ganz willkürlich und wie es der Zufall ergab, Studenten in den Universitäten von Berkeley, Chicago und New York nach ihrer Meinung dazu.

Idylle im People’s Park

Susan begrüßt mich mit einem zackigen „Hey!“ Sie ist Mitglied des Campus anti-imperialistic Coalition und des „Student Mobilization Committee von Berkeley, sehr jung, sehr offen, sehr hilfsbereit. Als ich ihr immer wieder die Tür aufhalte, sagt sie ärgerlich, ich solle diesen Unfug lassen: als begeisterte Anhängerin der Women’s Lib-Bewegung kann sie konventionelle Höflichkeiten dieser Art nur komisch und diskriminierend finden.

Wir schlendern über den sonnigen Campus und die Telegraph Avenue, den Boul’ Mich’ von Berkeley. Mir fällt auf, wie jung im Gegensatz zu Europa die Studenten hier sind und wie friedlich-hippiesk die Atmosphäre ist: Stände mit Gürteln, Büchern, Zeitungen, selbstgemachtem Schmuck, eine Straßentheater-Gruppe, eine Unterschriften-Aktion für McGovern.

Vor vielen Schaufenstern stehen Bretterverschläge. „Das ist noch von unserer Demonstration“, erklärt Susan. „Drei Stunden nach Nixons Rede waren hier schon dreitausend Leute auf den Straßen, am nächsten Tag waren es über achttausend. Es gab Schlachten mit der Polizei, Tränengas, Verhaftete und viel kaputtes Glas.“

Berkeley, vor Jahren Ausgangspunkt der Studentenrevolte, ist ein permanenter Krisenherd geblieben. Die 30 000 Studenten und ihre Vertreter, vor allem die „Associated Students of the University of California (ASUC), stehen zwischen einer konservativen Universitätsleitung und einer links-progressiven Stadtverwaltung. Die Bevölkerung gilt als die intellektuellste und schwierigste in Kalifornien. Jede politische Aktion wird getragen von den unzähligen Street people, die von den Bürgern als Hippies oder „fringe elements“ (Fransenleute) und von den Studenten mit dem deutschen Wort „Lumpenproletariat“ bezeichnet werden, dropouts also, die seit Jahren aus den ganzen USA hierher pilgern und ansässig werden oder die hierher aus der Hippiekolonie Haight Ashbury flüchteten, als die eine Mode und dann wieder ein Slum wurde.