Peinlich wird Theater-Archäologie, die unter dem Humus der Klassiker deren untergepflügte Zeitgenossen ausgräbt, dann, wenn der Fund nicht mit Stolz, sondern mit eitler Besserwisserei vorgezeigt wird, Wenn also Regisseure an dem Ausgegrabenen nur ihr Mütchen kühlen: Seht, so dumm waren die damals, so schlau kann ich das heute beweisen!

Im Deutschen Schauspielhaus fand eine solche Peinlichkeit statt: Claus Peymann hatte Cyril Tourneurs "Tragödie der Rächer" inszeniert, einen Zeitgenossen von Shakespeare, in dessen Stück jäh, entschlossen, ausgiebig und kurzschlüssig gestorben wird. Eine Gift-und-Dolch-Orgie also, die ihre Kadaverseligkeit mit entrüsteter Moral einerseits und sittenloser Verderbtheit bei Hofe andererseits motiviert.

Peymann, der das Stück offenkundig nur selbstgefällig angrinste, machte sich mit Staatstheater-Mitteln einen studentischen Jux mit Tourneur. Er setzte gegen die (vermeintliche) Trivialität der "Tragödie der Rächer" die Banalität theatralischer Besserwisserei: Ähnlich wie wir uns über unsere wilhelminischen Großväter gern lustig machen (in Wahrheit aber nur vor ihnen blamieren), indem wir ihre Schnurrbarte und Sockenhalter – sie sind ja auch zu komisch – mokant vorführen, ging Peymann vor. Asse und Stars des deutschen Sprechtheaters führten vor, wie weit sie in die Schmiere und Meiningerei herabsteigen können. Dieser ständige Akt der Herablassung wurde dadurch unterstrichen, daß man dieses Treiben auch noch in komische Kostüme wickelte. Humor ist, wenn ein Schauspieler mit dicken Waden kurze Höschen trägt, ein Baby-Face macht, wo er doch ein blutrünstiger Prinz ist. Humor ist auch, wenn jemand hohes Pathos scheppert, um dazu ab und an die verrutschten Gebärden eines Westernhelden zu liefern.

Der trostlose Eklektizismus dieser Aufführung, ihre laue Stilmanscherei resultierten sicherlich daraus, daß Peymanns hochfahrend-ungenaue Mittel weder auf ein Stück zurückfielen, das von dem Podest eines allgemeinen falschen Bewußtseins hätte gestürzt werden müssen, noch sich selbst fruchtbar dekuvrierten: denn das lassige und schwammige "So sind wir sonst nie", das die Schauspieler vorführten, produzierte nur jene Pein, die "unfreiwillige Komik", freiwillig und allzu selbstsicher-bewußt vorgeführt, eben produziert.

Gegen diese späte und wohlfeile Besserwisserei ist man versucht, das Stück in Schutz zu nehmen. Denn so wahr es ist, daß seine Dramaturgie scheinbar unbedenklich Mord- und Totschlag en masse hervorbringt – es ist auch ein Theater übersteilter Antithesen, das zwischen Gut und Böse stattfindet. Und man hat den Eindruck, daß das Laster nur deshalb gar so scheußlich gemalt wird, weil der Autor sich und seinen Zuschauern seine geheimen Lüste von der Seele schrecken wollte – so wie sich süßigkeitsgierige Kinder tapfer einreden und einreden lassen, daß Bonbons gar nicht gut für die Zähne seien.

Daneben aber steckt in Tourneurs ungeschlacht tem Blutgemälde zumindest noch etwas, vor dem sich Peymann ebenfalls weitgehend drückte. Die "Tragödie der Rächer" nämlich beginnt mit einer Szene, in der der racheschwörende Liebhaber den Totenschädel seiner Braut in den Händen hält. Und Szenen, in denen verbuhlte Höflinge aus Versehen oder durch Intrige oder aus Verzweiflung an Gerippe des Todes geraten statt an die erwünschten Mädchen, gibt es zuhauf. Das Drama handelt also auch von einem zähneklappernden Singen im Walde, das während der scheinbaren Anprangerung des Lasters auch dessen verzweifelte memento-mori-Begründung mitliefert.

In Hamburg ist dies nur in dem ingeniösen Bühnenbild von Wilfried Minks sichtbar. Ein überlebensgroßes Skelett samt Totenschädel füllt die Hamburger Drehbühne. Treppen aus Knochen und Gebeinsresten verbinden diesen Schreckensbau zu eindringlicher Bespielbarkeit. Die Lebenslust hätte hier ihre Aktionen aus Totenaugen und gerippten Brustkästen anstarren können.

Aber ebenso wie über diesen Spielbau alberte sich die Inszenierung über h. c. artmanns barockes Übersetzungsgebäude hinweg. Hier nämlich, wo das verstiegene Pathos schrill und bilderschwanger schwarze Messen zelebrierte, wäre jener Widerspruch zu suchen gewesen, der eine Ausgrabung lohnend gemacht hätte. Eine geordnete Barockwelt, die sich in ihren Metaphern in die Luft sprengt; ein überzogener Duktus, der zu Jahrmarktsgrellheiten zerscherbt. Mit einem hohnvollen Rauschebart-Theater jedoch ist ein solcher Widerspruch nur zu verkleistern.

Hellmuth Karasek