Hannover

Hat der 32 Jahre alte Volksschullehrer Friedrich Rodewald aus Langenhagen bei Hannover eine Gewissensentscheidung getroffen oder einen taktischen Winkelzug vollzogen? Die Beantwortung dieser Frage interessiert Rodewalds Genossen in der SPD gleichermaßen wie seine Kollegen in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), seitdem der Nachwuchspädagoge – so Kriminaldirektor Hans-Joachim Butte vom Landeskriminalpolizeiamt Niedersachsen – „den entscheidenden Hinweis gegeben hat, der zur Festnahme von Ulrike Meinhof am 15. Juni 1972 in seiner Wohnung geführt hat“.

Der bärtige Bundesvorsitzende des Arbeitskreises „Junge Lehrer“ der GEW – äußerer Habitus eher Protest als Anpassung – gilt jüngeren Kollegen als stark engagiert und sehr kritisch, älteren Lehrern und Rektoren als suspekt. Ihn und mehrere Kollegen, die in der Volksschule Weimarer Allee in Hannover unterrichten, trifft der Vorwurf „rote Zelle“. Sie wenden Zeit und Arbeit auf, um ihre Vorstellungen von Änderungen dieser Gesellschaft in die Tat umzusetzen.

Dabei geht es nicht ohne harte Auseinandersetzungen ab. Rainer Silkenbeumer, Vorsitzender des GEW-Kreisverbandes Hannover-Stadt: „Uns geht es darum, Gewerkschaftspolitik zu machen und etwas für die Kollegen zu tun. Das ist ja bisher nicht geschehen.“ Ist Rodewald bei solchen Anstrengungen zu weit nach links außen gerutscht?

„Entgegen anderslautenden Darstellungen haben die bisherigen polizeilichen Ermittlungen keinerlei Ergebnis erbracht, die Anlaß zu der Vermutung geben könnten, daß der Hinweisgeber Rodewald selbst in Beziehungen zu Angehörigen der Baader-Meinhof-Bande stehen würde.“ Das bestätigt die niedersächsische Polizei unaufgefordert. Wie Rodewald auf die Liste der Quartiersuchen für Ulrike Meinhof gekommen ist, kann er sich selbst nicht erklären. Genügt die wiederholt und nachdrücklich aufgestellte These, diese Gesellschaft brauche Reformen, um möglicher Quartiergeber der Baader-Meinhof-Bande zu sein?

„Ich möchte nicht in der Situation von Herrn Rodewald sein“, sagt GEW-Funktionär Silkenbeumer. Rodewald hat sich selbst in diese Situation gebracht. Es ist ihm offensichtlich nicht leicht geworden. Wer sich mit ihm unterhält, fühlt, daß cieser Mann zwischen Sympathie und staatsbürgerlicher Pflicht keine einfache Entscheidung hatte. Natürlich: „Er hat sich immer von den Methoden der Baader-Meinhof-Bande abgesetzt“, so Silkenbeumer, aber „diese Gesellschaft braucht Reformen“, so Rodewald. Er fühlt sich nicht als Henkersknecht. „Ich habe eine blutige Geschichte unblutig zu Ende gebracht.“

Daß Rodewald sich von den ewig theoretisierenden Ideologen unterscheidet, beweist seine politische Aktivität. Er gehört zu den Initiatoren und Verfechtern der Aktion „Kleine Klasse“ in Niedersachsen und beschäftigt sich mit Problemen der Grundschulklassen. Seine Lebensgefährtin Ulrike Winkelvoss bestätigt ihn darin.