Stuttgart

Der Schild der Polizei, der nach den erfolgreichen Aktionen gegen die BM-Gruppe zu glänzen begann, hat einen dunklen Fleck bekommen. Während die Verhaftung der gefährlichsten Gruppenmitglieder ohne oder fast ohne Blutvergießen abging, unterlief der Stuttgarter Polizei ausgerechnet beim Versuch, eine eher harmlose Randfigur festzunehmen, eine verhängnisvolle Panne. Ohne erkennbare Notwehr- oder Nothilfesituation erschoß ein Kriminalbeamter den in Stuttgart lebenden 34jährigen Schotten Ian MacLeod. Eine Kugel aus einer Maschinenpistole traf ihn in den Rücken und verletzte ihn tödlich. MacLeod war unbewaffnet, und auch in seiner Wohnung im Stuttgarter Wohnkomplex "Hannibal" fanden sich weder Waffen noch Sprengstoffe. In der Kette der offenbar gut, vielleicht zu gut vorbereiteten Aktion befand sich ein schwaches Glied: Einer der Beamten muß die Nerven verloren haben. Obwohl MacLeod vor den heranstürmenden Polizisten die Schlafzimmertür wieder zuwarf, habe – so sagte der Beamte mit "Baader-Meinhof-Erfahrung" vor der Staatsanwaltschaft – er den Eindruck gewonnen, der Mann wolle sich auf ihn stürzen. "Mann, jetzt bist du dran, habe ich noch gedacht." Die Kugeln, die er abfeuerte, durchschlugen die Schlafzimmertür, und eine davon traf MacLeod von hinten.

Der Fall hat die Öffentlichkeit nicht zuletzt deshalb so erregt, weil die Stuttgarter Staatsanwaltschaft zunächst fast sämtliche Informationen zurückhielt. Den Namen des Erschossenen erfuhren die Zeitungen vom britischen Konsulat. MacLeod war am Sonntagmorgen gegen 6.30 Uhr erschossen worden, aber erst am Dienstagnachmittag wurde die Öffentlichkeit eingehend über den Vorfall informiert, dann aber so gründlich, daß die gegen die Redaktionsschlußzeiten kämpfenden Journalisten dagegen meuterten. Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Schule verwahrte sich gegen den Vorwurf, es sei eine Nachrichtensperre verhängt worden. Man habe erst den vorläufigen schriftlichen Obduktionsbefund aus Tübingen abwarten wollen, und am Montagnachmittag seien eine Rekonstruktion des Tathergangs und weitere Fragen an den Beschuldigten unerläßlich gewesen. Eine der örtlichen Zeitungen wunderte sich dennoch: "Man hat den beklemmenden Eindruck, daß der Staatsanwaltschaft noch nichts eingefallen ist, um die unnötigen Schüsse im ‚Hannibal‘ auch nur annähernd zu erklären, daß sie andere Maßstäbe in der Information der Öffentlichkeit anlegt, Weil die Schüsse von einem Polizeibeamten abgegeben wurden." Nun, nach der Pressekonferenz muß man zugeben, daß nichts vertuscht werden sollte. Daß dieser Eindruck zunächst entstand, ist eher auf Ungeschicklichkeit im Umgang mit der Presse zurückzuführen. Rechtzeitige Informationen, und seien sie noch so spärlich, verhindern Spekulationen.

Welcher Art die Beziehungen des Schotten zur BM-Gruppe gewesen sind, ist nach wie vor unklar. Die Bundesanwaltschaft bezeichnet ihn als "Kontaktmann der Anarchisten", der in Stuttgart "und an einem anderen Ort" Wohnungen gemietet habe. MacLeod wird in dem aus dem Gefängnis geschmuggelten Kassiber Gudrun Ensslins mehrmals genannt und mit Anweisungen bedacht. MacLeod habe verschiedene Wohnungen gemietet, zu denen Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Carmen Roll bei ihrer Festnahme Schlüssel besessen hätten. In einer dieser Wohnungen haben sich Gudrun Ensslin und Andreas Baader getroffen. Auf hartnäckiges Fragen der Journalisten stellte sich allerdings heraus, daß die Treffen erst erfolgten, nachdem MacLeod die Wohnung an zwei ihm offenbar unbekannte junge Leute weitervermietet hatte. Der Schotte muß also nicht unbedingt gewußt haben, daß in seiner Wohnung Baader-Meinhof-Leute aus- und eingingen. In den Stuttgarter Kreisen, in denen sich der Angestellte des britischen Konsulats und spätere Handelsvertreter vorzugsweise bewegte, galt er als harmlos, schöngeistig und völlig unpolitisch. Die Polizei mußte einräumen, daß sie sich vor der Aktion nicht über ihn und seine Lebensweise erkundigt hatte. Die Aktion, für die nun niemand mehr so richtig verantwortlich sein will, geriet ins Übermaß. Der Stuttgarter Polizei gibt an, sie habe nach den Anweisungen der Bundesanwaltschaft gehandelt und die Bundesanwaltschaft erklärt, für die, Ausführung der Aktion sei allein die Polizei verantwortlich.

Als MacLeod am Sonntagmorgen, wohl von Geräuschen aus dem Schlaf gerissen, die Zimmertür öffnete, sah er sich einem Trupp schwerbewaffneter Zivilisten gegenüber. Er schrie erschreckt auf und warf die Tür wieder ins Schloß. Dies muß seine letzte Bewegung gewesen sein. Die Kugel traf ihn im Rücken und trat, nachdem sie die Lungenarterie zerfetzt hatte, am Hals wieder aus. Ian MacLeod war sofort tot.

Werner Birkenmaier