Donnerstag, 29. Juni: „Maigret und der nächtliche Besucher“, Regie: Claude Barma

Mein Gott“, hatte Ernst Bloch gesagt, als vor Jahren Rupert Davis zum letztenmal sein Streichholz über die Wand ratschen ließ, um die Maigretsche Pfeife zu entzünden und dabei dem Zuschauer ins Auge zu blicken, „mein Gott, wie soll ich bloß ohne diese Musik weiterleben?“ Mir ging es nicht anders, damals, ich wußte, es war ein Abschied für immer: wie schmerzhaft, das wurde in der vergangenen Woche deutlich, als sich ein Mann als Kommissar Maigret ausgab, den allenfalls Pfeifenraucher für einen Charakterdarsteller und Charakterdarsteller für einen Pfeifenraucher ansehen können.

Dieser Akteur verfügte über die Mimik eines Handlungsgehilfen, und die Sätze, die sein deutsches Double sprach, klangen wie Sätze aus einem Groschenroman... Es war, als hätte man die Marlitt vom Französischen ins Deutsche zurückübersetzt (Cécile mit der Seele einer Sklavin oder einer Heiligen: na bitte!). Das Stück strotzte von Bedeutung und Tiefsinn, hintergründiger als die Hinterbliebenen in der ersten Folge kann kein Mensch die Augen aufschlagen, es wurde richtig feierlich, wenn Maigret auf der Leinwand erschien (mit Hut sah er aus, wie Barzel mit Hut aussehen würde) und der Kommentator die Gedanken des Kriminalisten enthüllte (Ich glaube, das geht zu weit. Was hat der Mann da oben gemacht?) und mit den Gedanken, die Kunst, sich Gedanken zu machen: Hörte der Kommissar überhaupt zu? Es gab Augenblicke, in denen er sich völlig zurückzog. (Ach, hätte er es doch öfter getan!)

Nun, das kommt dabei heraus, wenn man Kunst machen will, Kino-Kunst mit Rückblenden und viel Atmosphäre, der Seine mitsamt ihren Brücken, dem Milchcafé im Bistro und dem Beaujolais, den man zum Essen kredenzte ... die Croissants natürlich nicht zu vergessen, nach denen es am Morgen riecht, in Paris. Es war überhaupt alles so recht von Herzen französisch, die Ansagerin hatte ganz recht: Die himmlische stand neben der irdischen Liebe, die Edlen hatten Hunger, und die Bösen verdienten durch die Mieteinnahmen aus übelbeleumdeten Häusern. Am schlimmsten aber trieb es der Mörder, der ins Haus seiner Freundin gezogen war, um mit ihr, wie es im Film hieß, verkehren zu können ... und hatte doch, seinem Proustschen Aussehen entsprechend, einmal bessere Tage gesehen.

Wie zäh war das alles, wie mühsam und quälend: ständig tauchten neue Familienmitglieder auf, man zählte bald Völker und Namen nicht mehr, ganz Frankreich schien mit den Toten versippt und verschwägert zu sein, und dann kreuzten sie, statt nacheinander zu kommen, auch noch im Verband auf, die Onkel und die Geschwister!

Kurzum, mit der Rupert-Davis-Serie hatte die neue Folge, außer den Namen der Simenon-Polizisten, nur das eine gemeinsam, daß beide Filme in Schwarzweiß gedreht worden sind. Aber das ist auch alles. Waren früher Maigrets Aktionen von Selbstironie, Witz und Satire bestimmt: le petit bourgeois zeigt es den Großen, so stakte jetzt ein Mensch mit französischem Namen im Nebel, der sich Handlung nannte, herum, und der Zuschauer gähnte.

(Wie sagt doch der Tucholskysche Pfarrer beim Verlassen des Puffs? „Ach, wissen Sie“, sagt er, „da langweile ich mich lieber gleich in der Kirche.“) Momos