Zehn Jahre intensiver Arbeit und die stolze Summe von mehr als 600 Millionen Dollar haben sich die EWG-Staaten bisher den Versuch kosten lassen, mit einer eigenen Großrakete im Weltraum aufzutrumpfen. Doch bis heute ist es nicht gelungen, mit der rund 100 Tonnen schweren und mehr als dreißig Meter langen Europa-Rakete auch nur einen einzigen Satelliten ins All zu bringen. Immer wieder verhinderten Fehler in der von Frankreich gelieferten zweiten und in der in der Bundesrepublik (von der „Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH“ und der „ERNO Raumfahrttechnik“) gebauten dritten Stufe des Weltraumprojektils den ersehnten Erfolg.

Bislang begnügte sich die „Europäische Organisation zum Bau von Raumfahrzeug-Trägerraketen“ (ELDO), die für den Bau der Europa-Raketen verantwortlich zeichnet, nach jedem Fehlstart mit dem vagen Hinweis, daß man schließlich ein Entwicklungsprogramm verfolge, in dessen Verlauf Rückschläge ganz normal seien. Fehleranalysen wurden nicht veröffentlicht.

Mit dieser unrühmlichen Tradition ist nun erstmals gebrochen worden: Die nach dem letzten mißglückten Startversuch vom 5. November 1971 (Europa-II-Rakete) eingesetzte Untersuchungskommission hat jetzt einen ungeschminkten Bericht vorgelegt.

Insbesondere für die deutschen Raketenbauer ist dieser Bericht mit Sicherheit keine angenehme Lektüre. Ihnen wird bestätigt, daß drei Systeme in der von ihnen gebauten dritten Raketenstufe nicht flugtauglich sind. Der Bericht bezeichnet das Kommandowerk, das Trennsystem des Mittelteils und der Lenkrechner als „nicht qualifiziert“. Auch die Verkabelung der dritten Stufe muß „von Grund auf überprüft werden“.

Offenbar ist die Frage der elektromagnetischen Verträglichkeit der einzelnen Systeme nicht genügend getestet worden. Die Explosion der ersten „Europa II“ am 5. November 1971, die sich 150 Sekunden nach dem Start in etwa 50 Kilometer Höhe ereignete, wird darauf zurückgeführt, daß Lenkrechner und Bordkommandowerk der dritten Raketenstufe in einer „ungünstigen elektrischen Umgebung angeordnet waren“. Das heißt nichts anderes, als daß sich die verschiedenen Systeme nach dem Einschalten durch den Aufbau elektromagnetischer Kraftfelder gegenseitig in ihrer Funktion störten.

Trotz der festgestellten evidenten Mängel im deutschen Raketenbeitrag versucht der Bericht der „Projektüberprüfungskommission Europa II“ fairerweise jedoch nicht, die Schuld am Debakel der ELDO allein den Deutschen in die Schuhe zu schieben. Ausdrücklich wird erwähnt, daß die Rakete von Anfang an nicht als eine Einheit geplant worden war – die englische Grundstufe und die französische Zweitstufe befanden sich schon vorher als einzelne Geschosse in der Entwicklung –, was zu einer „äußerst mangelhaften Integration“ der „fast unabhängig voneinander auf nationaler Ebene gebauten“ einzelnen Raketenstufen geführt habe.

Es bleibt nunmehr abzuwarten, ob sich die begrüßenswert nüchterne und sachliche Fehleranalyse auszahlt. Der Untersuchungsbericht enthält eine Reihe von Empfehlungen, wie die Mißstände abgestellt werden könnten. Der ELDO-Rat hat sich mittlerweile mit der Kritik an der Europa-Rakete befaßt und 4,8 Millionen Dollar für bestimmte von der Untersuchungskommission empfohlene Arbeiten bewilligt.