Vor sieben Jahren noch verkündete Kubas bärtiger Lider maximo emphatisch: "Niemals wird Kuba zum Satelliten irgendeiner Macht herabsinken." Der Adressat dieser Worte war die Sowjetunion. Vor einer Woche besiegelte Fidel Castro seinen Sinneswandel im Kreml mit dem Lobpreis auf seine Gastgeber: "Unser Volk vertraut unbedingt der prinzipientreuen Politik der Sowjetunion." Auf der frisch gebügelten Uniform prangte der frisch verliehene Lenin-Orden: Symbol einer geduldigen und erfolgreichen Politik Moskaus.

Die Sowjetunion war die letzte und auch wichtigste Station einer zweimonatigen Reise, auf der Castro von einer eigenen Außenpolitik, der Politik der "exportierten Revolutionen", Abschied nahm. Am 2. Mai hatte er sich auf den Weg gemacht – über Guinea, Sierra Leone, Algerien, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Polen, die DDR und die Tschechoslowakei in die Sowjetunion. Ließ er sich unterwegs gelegentlich zu Kampfparolen gegen die USA hinreißen ("Denn die Imperialisten sind nicht bereit, eine Revolution nahe ihrer eigenen Grenzen zu dulden"), so hieß er in Moskau die Politik der friedlichen Koexistenz bedingungslos gut.

Für Castro war es der dritte Moskau-Besuch. 1963 stand er im Mittelpunkt der Maifeiern – die Kubakrise war noch frisch in Erinnerung; 1964 versuchte Chruschtschow vergebens, ihn zu einer Stellungnahme im Konflikt Moskau-Peking zu bewegen. Castro wollte damals auch nicht auf seine Außenpolitik verzichten, die sich im Gegensatz zur Taktik der von Moskau gestützten kommunistischen Parteien die Revolutionierung des südlichen Festlandes zum Ziel gesetzt hatte.

Der große Bruch kam mit der Politik der Entspannung. Als Ministerpräsident Kossygin nach seinem Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten Johnson in Glassboro 1967 Havanna besuchte, zeigte ihm Castro die kalte Schulter. Die Sowjetunion zog die Konsequenzen: Ein Jahr später drosselte sie ihre Wirtschaftshilfe und revidierte die Handelsverträge; die anderen Ostblockstaaten folgten nach. Die Zuckerinsel stürzte in-eine permanente Wirtschaftskrise.

Der Mißerfolg der Zuckerrohrernte von 1970, die weit unter den anvisierten zehn Millionen Tonnen blieb, begrub alle Hoffnungen auf eine Emanzipation und ließ zudem solche Mängel in Wirtschaft, Planung und Verwaltung erkennen, daß Castro die Bedingungen sowjetischer Hilfe akzeptieren mußte. Ende Oktober 1971 fuhr Kossygin ein zweites Mal auf die Insel und wurde herzlich empfangen. Die sowjetische Unterstützung wurde von jährlich 365 Millionen Dollar auf knapp eine halbe Milliarde aufgestockt.

Dennoch wäre es falsch, Castros jüngste Reise als Kanossagang zu beurteilen, erzwungen durch wirtschaftliche Schwierigkeiten. Tatsächlich haben sich die kubanische Außenpolitik, mehr noch aber die Verhältnisse in Südamerika geändert. 1967 war mit dem Tode "Che" Guevaras das Konzept der revolutionären Landguerilla gescheitert. Rund 2400 Agenten wurden zwischen 1960 und 1965 in Kuba ausgebildet – unangenehme Gegner selbst für Regierungen, die wie Castro einen sozialistischen Kurs und eine Anti-Washington-Politik verfolgen, zum Beispiel Peru und Chile. Mit dem Nachlassen seiner revolutionären Schützenhilfe gewann Havanna aber an Vertrauen und Reputation auf dem Kontinent.

Freilich können die neuen Töne in Castros Brand- und Schmähreden leicht überhört werden. So rühmt er sich, binnen 24 Stunden 600 000 Mann bewaffnen zu können und droht den Amerikanern, ihr kubanischer Flottenstützpunkt Guantanamo liege in der Reichweite seiner Geschütze. Aber Castro spricht von Verteidigung, nicht von Angriff. Kuba hat sich auf eine Phasedefensiver Politik eingerichtet – nichts anderes bedeutet der wiederholte Ausspruch Castros, die kubanische Revolution sei "vollendet", strebe keine weiteren Ziele an, verlasse sich jetzt auf die Hilfe der sozialistischen Staaten. Gegen eine solche Politik hat Moskau nichts einzuwenden.

Horst Bieber