Die Klassiker, wer wüßte es nicht, werden schimpf liehmißbraucht—und im "Spiegel", am letzten Montag, stand auch wieder mal, wer die Notzüchtiger sind: jene Regisseure, die "wertvolle dramatische Dichtungen" aus "persönlicher Originalitäcssucht" verfälschen.

Der Herr, der da so markig und im Vollgef üM des gesunden Theaterempfindens seine Blitze verschleuderte, die "Dekadenten" geißelte, der erklärte, mit "dummen" Schauspielern komme er besser zurecht als mit den Klugscheißern", der schlicht konstatierte, der Intellekt sei "für das Theater das Unwichtigste": es war keiner von Springers Theater Journalisten, es war nicht Curt Riess oder Günter Zehm, der so tönte, und es war auch nicht irgendein verbitterter Provinzintendant. Die Confessio stammt von einem der berühmtesten Theatermänner Buropas, von Walter Felsenstein — und vieles, was man Sonntagabend, im Münchner Residenztheater, beim ersten Teil der Wallenstem Tragödie, eher fassungslos registriert hatte, bekam so am Montag seine simple Erklärung.

Am "Wallenstein", jenem Mammutunternehmen, das nun endlich, nach vier Probemonaten mit dem wohl teuersten Schauspieler Ensemble, das je auf einer deutschen Bühne stand, auf die Welt kam, lassen sich jene Kardinaltugenden überprüfen, die Felsenstein dem eitlen RegisseurTheater entgegenhält: die Tugenden der "Werktreue und des Realismus. Von beiden blieb nach sechs Stunden Felsenstein nicht allzuviel übrig. Felsensteins Realismus: der ließ sich gleich zu Anfang, in "Wallensteins Lager", trefflich studieren. Da lagen schlafende, schnaufende Soldaten am Boden, über die immer mal wieder einer hinwegstolperte; da hoben Krieger zechend den Becher; da löffelten andere ihr Süppchen aus dampfenden Töpfen. Ein gemütvolles Genrebildchen, pausbäckige Folklore, die nicht mehr als zwei höchst triviale Einsichten vermittelte: daß erstens das Soldatenleben wohl doch eine recht gemütliche Sache ist und daß zweitens Soldaten immer heiser sind. Alle Schauspieler (der zarte Erich Ludwig ausgenommen) bellten Schillers Knittelverse mit gleichtönend rauhen Kehlen. Verspielt wurde so die Ambivalenz der Szene: jene eigentümliche Verbindung von Soldatenoperette und Soldatenfanatismus, von "Zigeunerbaron" und Führerkult. Denn nicht fanatisierte, blind führergläubige Soldaten bevölkerten da die Bühne — sondern heisere, hübsch kostümierte Buffos.

Wer sich daran erinnert, wie Kortner in seiner "Clavigo" Inszenierung scheinbar deklamatorische Verse aufbrach, in eine Fülle sensibelster 1Reaktionen zerlegte, wer daran denkt, wie Noelte ohne allen Krach und Kraftaufwand aus dem Detail ein Miniaturdrama macht, wer also Felsenstein an den großen Realisten des deutschen Schauspiel Theaters mißt, der wird den "Wallenstein" nur zögernd realistisch nennen. Denn der Realismus, der da produziert wird, ist ein höchst pauschaler, immer dekorativer OperaRealismus.

Schmal ist das Repertoire der Emphasen, ist auf ein knappes Dutzend Standardemotionen geschrumpft. Jede Erregung wird gleich markiert: mit brausend anschwellenden SÖiaTJSpieüerscimmen. Jeder Schreck gleicht dem anderen, wo eine Ohnmacht ist, ist eine Sitzgelegenheit. Wer immer in dieser Aufführung eine böse Botschaft bekommt, schwankt oder faßt sich ans Herz und sinkt zuletzt unweigerlich auf einen Stuhl. Es sind die immer gleichen Inszenierungs Rituale, die diese Aufführung nachvollziehen. Und die da agieren, sind weniger realistische Figuren als Marionetten einer Theaterkonvention.

Dem Werk "dienen" möchte Felsenstein — doch wem dient eine Inszenierung, wenn sie alle politischen Einsichten und alle politischen Fragwürdigkeiten eines Klassikers mit Theaterkolorit zukleistert, Geschichte zu luxuriösen Arrangements verschönt und ästhetisiert, wenn sie aus Gesichtern Fassaden,, aus Sätzen rhetorische Prunkstücke macht?

So fällt auch der zweite Ansprach Felsensteins, Werktreue, uneitjes Theater zu machen, rasch in sich zusammen. Denn an den beiden "Wallenstein" Abenden wird die eine Eitelkeit (des Regisseurtheaters) lediglich gegen eine andere eingetauscht: gegen die Eitelkeit entfesselten Schauspielertheaters. Offenbar hat da jeder Schauspieler auf den Proben anbieten dürfen, was er schon immer gern einmal spielen wollte — und Felsenstein hat sich von diesen Angeboten fast widerstandslos überrollen lassen.