Von Ekkehart Krippendorff

Es ist anzunehmen, daß ein Buch zur Geistesgeschichte des 16. bis frühen 19. Jahrhunderts nur die Zunft der Historiker beschäftigt, und in gewisser Weise ist sein Autor an einem solchen begrenzten Interesse nicht ganz unschuldig. Gleichwohl, das Buch

Heinz Gollwitzer: „Geschichte des weltpolitischen Denkens“, Band I: „Vom Zeitalter der Entdeckungen bis zum Beginn des Imperialismus“; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972; 535 S.; 98,– DM,

sein Thema, die beeindruckende Menge des verarbeiteten Materials sollten einbezogen werden, wenn, was notwendig, die Sozialwissenschaften im allgemeinen und die Politikwissenschaft oder die Lehre von den internationalen Beziehungen im besonderen historisch aufgearbeitet werden.

Worum handelt es sich? Der Titel ist allenfalls irreführend, insofern man unter „Denken“ hier Systematik und wissenschaftliche Disziplinierung verstehen möchte. Was Gollwitzer vor uns ausbreitet, ist eine im Detail bisweilen ermüdende, bisweilen faszinierende Geschichte politischer Publizistik von Philosophen, Theologen, Schriftstellern und frühen ökonomischen Theoretikern, die den Prozeß der Ausbreitung der europäischen Mächte nach Übersee, die Kolonialisierung Lateinamerikas, Nordamerikas und Asiens (Afrika ist erst am Ende des 19. Jahrhunderts an der Reihe) kommentierend begleiteten, diesem Vorgang entweder einen Sinn zu unterlegen versuchten oder ihn, im Dienste verschiedener Herrscher, diesen zweckdienlich machen wollten.

Wie Gollwitzer schreibt, handelt es sich hier nicht um Geschichtsphilosophie, auch (noch) nicht um Theorien der internationalen Beziehungen, sondern man hat es „mehr mit Publizistik als mit gelehrter Arbeit zu tun“. Es geht ihm nicht um Wissenschaftsgeschichte, sondern um „die Entfaltung eines bewußtseinsgeschichtlichen Phänomens“.

Jene Epoche, die beginnende und sich als ein revolutionärer Prozeß wie ein Waldbrand ausbreitende Neuzeit hatte von sich selbst kein oder doch nur ein höchst unangemessenes Bewußtsein. Das konnte kaum anders sein – nicht nur, weil jene revolutionären Veränderungen in Ökonomie, Politik und Sozialstruktur Westeuropas, die es zur Unterwerfung der übrigen Welt trieben, präzedenzlos waren, sondern auch weil, um es mit Hegel zu sagen, die Eule der Minerva erst in der Dämmerung ihren Flug antritt – hier haben wir aber erst die Morgenröte des gegenwärtigen Zeitalters vor uns.