Wie Baader und Meinhof in die Fänge der Polizei

gerieten

Von Eduard Neumaier

Jedesmal, wenn eine neue Erfolgsmeldung über den Fernschreiber tickert, greifen sie, emsig wie Buchhalter und fast so pedantisch, zum roten Filzstift oder zum Kugelschreiber und ziehen ein Kreuz durch ein Gesicht; einige malen auch symbolische Gitter. Es sind Beamte des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden und in Bad Godesberg. Die meisten Gesichter, die von ihnen so gezeichnet werden, könnten einem harmlosen Gruppenphoto entstammen: Ulrike Meinhof verträumt, Andreas Baader keck, Gudrun Ensslin skeptisch-ernst, Holger Meins buchprüferhaft, Jan-Carl Raspe kindlich. Die Namen freilich sind Synonyme des Schreckens geworden, sie gehören zur Liste „gesuchter anarchistischer Gewaltverbrecher (Baader-Meinhof-Bande)“.

Die Erfolgsmeldungen häufen sich in den letzten Wochen. Die hämischen Kommentare über die Polizei sind verstummt. Mit jeder Festnahme eines BM-Mitgliedes ist der Respekt für die kriminalistische Leistung gewachsen. Freilich, wie solche Leistungen zustande kommen, bleibt weiterhin verborgen. Selten, fast nie geht das Ergebnis auf einen Geniestreich der Ermittlungsbeamten zurück; so oft aber, wie vermutet wird, ist auch Kommissar Zufall nicht zur Stelle. Die Geschichte der Verfolgung und Ausschaltung der Baader-Meinhof-Gruppe, dargestellt von der Truppe des Bundeskriminalamtes (BKA) unter Anleitung des Präsidenten Horst Herold, ist die Geschichte eines gigantischen Puzzlespiels, detektivistischer Kleinstarbeit, aber auch der Bemühung, einen schwerfälligen Polizei- und Behördenapparat in Gang zu setzen. Das Glück ist dabei eher programmiert, der vermeintliche Zufall eine fast zwangsläufige Folge vieler systematischer und gezielter Aktionen.

Anfangs ohne Systematik

Freilich, der Beginn der Fahndung nach Andreas Baaders und Ulrike Meinhofs umstürzlerischer Gruppe wies kaum Merkmale von Systematik auf. Nach der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Baader aus dem Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin-Dahlem durch Ingrid Schubert, Irene Goergens und wahrscheinlich auch Ulrike Meinhof, beauftragte Bundesinnenminister Genscher das Bundeskriminalamt Wiesbaden mit der Fahndung nach der fortan „Baader-Meinhof-Gruppe“ benannten Vereinigung. Aber was für ein Amt traf dieser Auftrag: Als Abrufbehörde, vor allem für die Bundesländer, verfügte es mit etwa 450 Kriminalbeamten kaum über eigene Instrumente der Fahndung. Es konnte weder die Landeskriminalämter mobilisieren noch die Polizeidienststellen. Das Amt besaß überdies keine Weisungsbefugnis. Auch der Auftrag des Bundesinnenministers änderte nichts daran – zunächst.