François Mitterrand, Chef der französischen Sozialisten und Freund der Kommunisten

Von Josef Müller-Marein

Man hatte es lange voraussehen können, aber schließlich war es doch eine Überraschung, als am 27. Juni verkündet wurde, daß die Sozialistische und die Kommunistische Partei Frankreichs einander „die Hand zum Ehebund gereicht hätten“. Übrigens stammt dieses heitere Bild von François Mitterrand, dem Chef der Sozialisten, der sogleich hinzufügte: „Es ist eine Ehe mit Gütertrennung.“ Aus dem kommunistischen Parteigebäude an der Place du Colonel-Fabien drang lauter Jubel, der von der Humanité verstärkt und weitergeleitet wurde. „Ein historisches Ereignis in der Geschichte der französischen Arbeiterbewegung“, so wurde Georges Marchais zitiert, der als Vertreter des schon lange kranken Waldeck-Rochet die Kommunistische Partei leitet und auch die Verhandlungen um den Ehevertrag, das heißt, um das Programm einer gemeinsamen Regierung geleitet hatte. Mitterrand allerdings verhielt sich bescheidener: „Wir haben Grund zu glauben, daß wir demnächst regierungsfähig sind“, sagte er.

Seither spekulieren die politischen Geister, wer von seinen Prinzipien mehr habe opfern müssen, die Kommunisten oder die Sozialisten. Jean-Jacques Servan-Schreiber, der Leiter der Radikalsozialisten, von denen eine Minderheit sich getrennt hat und mit den neuen Linkspartnern sympathisiert, erklärte, der ganze Vertragstext sei von Marchais diktiert. Diese Äußerung brachte Mitterrand in gewaltigen Zorn, dem er soeben beim Kongreß der Sozialisten in Marseille freien Lauf ließ: „Wir werden schon genug von den Rechten attackiert“, so rief er aus, „aber beleidigend werden ausgerechnet jene, die einen solchen Vertrag mit uns auf ganz derselben Basis machen wollten, einen Vertrag, diktiert von Mitterrand!“ So beantwortete er auch die Frage, wer die meisten Federn habe lassen müssen, ganz einfach mit der Erklärung, es stehe nichts in dem gemeinsamen Regierungsprogramm, was nicht schon immer eine Forderung der Sozialisten gewesen sei.

Wer hat also nachgegeben? Der listige Marchais mit seinen beiden Schutzpatronen, dem kranken Waldeck-Rochet und dem pfiffig-biederen Duclos? Wenn das wahr sein sollte – und dem wird heftig von allen Politikern rechts der Sozialisten widersprochen –, so ist immer noch zu bedenken, daß die Kommunisten auch dann bei diesem Unternehmen nur zu gewinnen, nichts zu verlieren haben, während für die Sozialisten, mindestens aber für Mitterrand, alles auf dem Spiel steht.

Auf der Bahn nach oben

Er hat in der Tat etwas von einem Spieler. Pessimistisch ist er dabei nicht. Schließlich liegt seine Geburtsstadt Jarnac, wo man ein munteres Eau-de-vie brennt, nicht weit von Cognac, und die Menschen dort im Süden sind keine Freunde von Traurigkeit. Das Schicksal hat den jungen Mitterrand denn auch recht verwöhnt. Sein Vater, ein kleiner Beamter der Eisenbahn, sah mit wachsendem Vergnügen die Schulzeugnisse, die François weniger für seinen Fleiß als für seine Intelligenz auszeichneten. So wurde er fast automatisch auf die Bahn gesetzt, die nach oben führt. Jurastudium, Hochschule der politischen Wissenschaften. Schon wollte er sich als Rechtsanwalt niederlassen, da brach der Krieg aus. Mitterrand saß in deutscher Gefangenschaft, ehe er noch beweisen konnte, daß er mutig oder sogar tollkühn war. Dies holte er nach: Er riß aus, schlug sich nach Südfrankreich durch, ging in die Résistance. Hier festigte sich seine politische Überzeugung, die des Sozialisten.