Von Wolfram Siebeck

Es war genau 17.40 MEZ, als Bopinescu in der 17. Partie in 32 waagerecht (austral. Straußenvogel) das Wort GNU setzte. Damit hatte das Kreuzworträtsel-Weltmeisterschaftsturnier seine Sensation. Das Turnier in Dubrovnik stand schon vom ersten Tag an ganz im Zeichen der Kämpfe zwischen dem rumänischen Altmeister Bopinescu und seinem jungen spanischen Herausforderer Perz. Bopinescu, der den Weltmeistertitel seit sieben Jahren erfolgreich verteidigt, wirkt wie immer konzentriert und verschlossen. Das allen Kreuzworträtselfreunden bekannte Gesicht mit den grauen Augen hinter der randlosen Brille verrät mit keiner Bewegung, was in ihm vorgeht. Sogar das in früheren Jahren für ihn so charakteristische Heben der linken Augenbraue hat er wegtrainiert. Er ist zweifellos in Hochform. Wenn er vor Beginn der Partie auf dem Podium Platz nimmt, mit ernster gesammelter Miene, verstummt beim Publikum auch das leiseste Flüstern.

Dann kommt Perz. Sofort setzt das Geflüster der Zuschauer wieder ein, wird zum Gemurmel. Dieser schwarzgelockte junge Spanier ist der Liebling des Publikums. Juanito Perz hat eine steile Karriere hinter sich, die er erst vor zwei Jahren begann, als der Kugelschreiber vom internationalen Kreuzworträtsel-Sportverband zu den Turnieren zugelassen wurde. Seine Aversion gegen die bis dahin benutzten Kopierstifte ist bekannt.

Und da drückt der Schweizer Schiedsrichter Baumann auf die elektrische Uhr. Perz, der heute den weißen Kugelschreiber hat, beginnt die entscheidende 17. Partie mit einer Donau-Nebenfluß-Eröffnung (2 senkrecht, 4 Buchst.). An solche harmlosen Eröffnungen von Perz hat sich das Publikum in diesen Tagen gewöhnt. ILLERISAR-INN oder AAR-STAR-ENTE (die Vogel-Eröffnung), das sind die Taktiken, mit denen der Spanier seinen Gegner abtastet.

Bopinescu jedoch, der Nichtraucher, den sie den Kreuz wort-Professor nennen, hat sich auf seinen jungen Herausforderer eingestellt und antwortet mit 15 waagerecht (Binnengewässer, 3 Buchst.). Perz blickt lächelnd ins Publikum. Das ist die Art, die man an ihm kennt und liebt.

Fast unkonzentriert, so sieht es jedenfalls aus, blockiert er eine Drei-Buchstaben-Säugetier-Serie (REH-REN-KUH) seines Gegners durch einen geschickten NIGER (23 waagerecht: Strom in Afrika).

Da bedroht Bopinescu wie aus heiterem Himmel die LOS-NERO-GANGES-Verteidigung des Spaniers durch ein raffiniertes ROM (europ. Hauptstadt). Perz ist sichtlich nervös geworden. Jetzt setzt er die Göttin der Morgenröte in 26 waagerecht ein. Das ist gewagt! Bopinescu hat die Schwäche des Spaniers sofort erkannt. Er zögert einen Moment, vielleicht vermutet er eine Finte; doch jetzt nutzt er seine Chance! Eiskalt geht er vor: 23 senkrecht, 28 waagerecht, 9 senkrecht – das sind Schläge, die Perz gewaltig in die Enge treiben. Verzweifelt wehrt er sich gegen den nachdrängenden Weltmeister. Ein linker Elbezufluß (5 Buchst.) gibt etwas Luft, aber Bopinescu reißt mit einem unerhört kühnen Klostervorsteher (3 Buchst.) die ganze dritte Reihe auseinander. 10, 12 und 17 waagerecht fallen ihm zu. Jetzt springt er nach unten, entdeckt eine Lücke in 32 waagerecht (austral. Straußenvogel, 3 Buchst.). Bopinescu setzt den Kugelschreiber an: GNU! Ein Aufschrei geht durch das Publikum. Perz, den sicheren Untergang vor Augen, starrt ungläubig auf die drei Buchstaben, die ihm völlig überraschend den Sieg schenken. Jetzt sieht auch Bopinescu seinen Fehler, aber zu spät!