Von Kurt Wendt

Als in den Abendstunden des 29. Juni bekannt wurde, daß der Aktienkauf durch Ausländer von einer Genehmigungspflicht ausgenommen bleiben sollte, herrschte unter den Börsianern Jubelstimmung. Sie bestimmte auch noch am Wochenbeginn die Aktientendenz. Man hatte sich nämlich auf ein totales Kaufverbot deutscher Wertpapiere durch Ausländer eingestellt und bereits begonnen, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Es kam in der letzten Juniwoche zu schwachen Börsen: Die bis dahin noch vorhandenen Kursgewinne schmolzen dahin wie Butter in der Sonne. Es wurden nicht nur Positionen abgebaut, sondern darüber hinaus auch noch sogenannte Leerverkäufe vorgenommen, also kurzfristig auf Baisse spekuliert.

Wer so handelte, hatte schon am Freitag keine andere Wahl, als beschleunigt seine Bestände wieder aufzufüllen. Zusammen mit den Käufen jener Leute, die der Meinung sind, daß sich nunmehr das "heiße Auslandsgeld" über die Aktien in die Mark drängen wird, führten die "Deckungen" zu sprunghaft steigenden Notierungen, besonders natürlich in jenen Standardwerten, die in den Tagen vorher unter den Abgaben stark gelitten hatten.

Dieser Kursanstieg ließ die Halbjahresbilanz trotz der im Juni eingetretenen Verluste noch recht positiv ausfallen. Nach dem Index der ZEIT/Wirtschaftswoche sind die deutschen Aktienkurse in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 16,4 Prozent gestiegen. Und das in einem Abschnitt, da die Zinsen am deutschen Kapitalmarkt wieder steigen und die Bundesbank deutlich einen restriktiven Kurs steuert.

Wenn der Aktienmarkt bislang kaum auf den Zinsanstieg bei den festverzinslichen Papieren reagiert hat, so lag dies in erster Linie an den Ausländern, vor allem den Engländern, die unverdrossen deutsche Aktien erwarben. Auf diesem Wege soll für mehr als eine Milliarde Mark in die Bundesrepublik eingeströmt sein. Für den relativ engen deutschen Aktienmarkt ist das ein recht bemerkenswerter Betrag. Die Käufe sorgten für steigende Kurse – und sie waren wieder einmal die beste Werbung für den Aktienkauf durch Inländer. Hinzu kam, daß sich eigentlich schon seit Jahresbeginn eine neue Krise am Rentenmarkt abzeichnete, für die beweglichen Anleger also ein Grund mehr bestand, Aktien als eine lukrative Zwischenanlage zu wählen.

Niemand wird bestreiten, daß für den Aktienerwerb auch handfeste wirtschaftliche Gründe sprachen. Die Gewinntalsohle ist bei den meisten Unternehmen erreicht, bei vielen inzwischen überwunden. Die Kapazitäten werden wieder besser ausgelastet, die Rentabilität ist fast überall gestiegen. Für 1973 wird ein deutlicher Gewinnanstieg vorausgesagt. Aber wird es tatsächlich dazu kommen? Wenn man an die unabdingbare Notwendigkeit von Steuererhöhungen denkt und wenn man weiß, daß die Gewerkschaften bessere Gewinne • zum Anlaß nehmen werden, höhere Lohnforderungen als in diesem Jahr durchzusetzen, so läßt sich ausmalen, wie wenig die Aktionäre von einem neuen Konjunkturaufschwung profitieren werden.

Mit Dividendenerhöhungen auf breiter Front ist daher keinesfalls zu rechnen. Bleiben höhere Gewinne als bisher übrig, so dürften sie im wesentlichen zur inneren Stärkung der Unternehmen verwandt werden, ein Problem, das angesichts der inflationären Entwicklung von wachsender Bedeutung wird. Siemens senkte bereits für 1970/71 die Dividende, um einen "angemessenen Betrag" den Rücklagen zuführen zu können. Die Veba hat für die Zukunft ähnliches angekündigt.