In der Bundeshauptstadt geht ein Heer von Helfern den Politikern zur Hand Von Carl-Christian Kaiser

Im Zentrum des Sturms herrscht Ruhe. Aber diese Ruhe im Bundeskanzleramt gehört zur Repräsentation. Denn der Läufer auf den Eingangsstufen, dersidi drinnen mit lindgrünem, dickflauschigem Bodenbelag fortsetzt, die schweren Vorhänge, die Wandteppiche und Gemälde wären bei hastigem Gerenne kaum die Hälfte wert. Umgekehrt wirkt das Interieur auf seine Benutzer zurück. Eilige verfallen in einen gemessenen Gang; Lautstarke dämpfen ihre Stimme.

Infolgedessen ist das Läuten des Telephons das lauteste Geräusch, das sich in der Pförtnerloge des Kanzleramts ereignet, auch bei lebhaftem Besucherverkehr. Am Zugang zu einem Reich der Stille gebietet Theodor Segschneider selbst über ein Fleckchen Stille: knapp drei mal drei Quadratmeter groß, ohne besondere Kennzeichen. Theodor Segschneider versieht sein Amt seit 22 Jahren, war schon dabei, als der Regierungschef nicht im Palais Schaumburg, sondern noch schräg gegenüber im Zoologischen Museum Alexander Koenig residierte, beengt von einer der reichhaltigsten Tiersammlungen der Welt.

Theodor Segschneider also, heute 61 Jahre alt, sieht die mächtigsten Männer der Republik samt ihren Helfern, hochgestellten Besuchern und Gästen seit mehr als zwei Jahrzehnten kommen und gehen – freilich aus der protokollarisch gebotenen und auch sonst üblichen Distanz, als Mann im Hintergrund und unauffälliger Helfer, der Königen und Präsidenten nur dann nahe tritt, wenn es zum Beispiel gilt, ihnen aus dem Mantel zu helfen. Und was seine unmittelbaren Dienstherren angeht, so bestehen die Beziehungen im wesentlichen in einem Grußverhältnis. Etwas anderes erwartet er auch gar nicht, denn „die Herren haben den Kopf so voll von Politik, daß sie nicht links und rechts sehen“.

Ist man den großen Akteuren, die Schlagzeilen machen und die die Bildschirme beherrschen, so nahe und zugleich doch fern, verfolgt man ihr Auf und Ab täglich von der gleichen Stelle, so ist es nur natürlich, daß sich zur Politik ein fast philosophisches Verhältnis ergibt. Für Segschneider besteht die Quintessenz aus zwei Jahrzehnten Pförtnerloge darin, daß, bezogen aufs ganze Kanzleramt, „ewig Personenwechsel war, aber regiert wurde immer“. Auch hält er fest, daß die Zahl der Amtspersonen ständig gestiegen sei, und bestätigt damit, was schon lange vor Parkinson einer seiner ehemaligen Kollegen, der Amtsdiener Berger im Auswärtigen Amt, der noch in der Wilhelmstraße zu Berlin Dienst tat, in den Satz faßte: „Ick weeß nich – det Deutsche Reich wird imma kleena, und det Auswärtige Amt wird imma jrößa.“

Mit diskretem Blick

Die Zurückgezogenheit in der Pförtnerloge und die repräsentative Ruhe fördern-solche philosophischen Einsichten. Freilich gibt es im Laufe der Acht-Stunden-Schicht aber auch genug zu tun: das Sortieren der vielen Zeitungen etwa, die im Amt gelesen werden; eine Tasse Kaffee für einen Gast, der im „Hallstein-Zimmer“ des Palais Schaumburg auf seinen Termin wartet; das Herandirigieren der Fahrzeuge, wenn der Kanzler, seine Staatssekretäre, die zur Kabinettssitzung gekommenen Minister oder Besucher das Haus wieder verlassen; und überhaupt der diskrete Blick auf die Besucher, bei denen man, soweit sie unbekannt sind, trotz der vorhergehenden Kontrolle an der Zufahrt zum Amt, wo der Bundesgrenzschutz wacht, kraft Intuition und Fingerspitzengefühl erkennen muß, „ob ein Mensch gute oder böse Absichten hat“.