Berlin

Bei den Kreisbüros der Berliner SPD und beim Landesverband standen die Telephone nicht mehr still. Mitglieder und Sympathisanten der Partei fragten an, ob nicht doch noch eine Chance für die zum Tode verurteilten SPD-Zeitungen Telegraf und Nachtdepesche bestünde und erklärten sich bereit, die Blätter zu abonnieren. Aber dafür war es nun zu spät. 16 Millionen Mark Schulden waren aufgelaufen, und Monat für Monat wurden es 300 000 Mark mehr. Beide Zeitungen zusammen brachten wochentags nicht mehr als 110 000 verkaufte Auflage. Der Anzeigenteil war dürftig und der redaktionelle Teil wurde mit einer unzureichend besetzten Redaktion gestaltet. Beides war nicht dazu angetan, die Konkurrenz mit den anderen Berliner Zeitungen durchzustehen. Wirtschaftlich gesehen war die Einstellung der Zeitung unvermeidlich. Aber die Umstände, unter denen das Todesurteil der Zeitung gesprochen wurde, zeugen von dem gleichen Dilettantismus, mit dem Telegraf und Nachtdepesche jahrelang geführt wurden. Die Hiobsbotschaft kam aus heiterem Himmel. Die meisten Redakteure hörten von der Einstellung der Zeitung aus dem Rundfunk oder bekamen sie über den dpa-Fernschreiber.

Als der Schatzmeister der SPD, Alfred Nau, sich entschlossen und den SPD-Vorstand in Bonn informiert hatte, konnte es nicht schnell genug gehen; die Kündigungsfristen zum 30. Juni sollten noch eingehalten werden. An Verkaufsverhandlungen wurde überhaupt nicht gedacht. Der Betriebsrat wurde weder gefragt noch informiert: Nach Paragraph 102 des Betriebsverfassungsgesetzes sind damit die Kündigungen rechtsunwirksam, und auch gegen andere Bestimmungen des Gesetzes wurde verstoßen. Die schmutzige Wäsche der SPD wird jetzt vor einem Arbeitsgericht gewaschen werden. Nicht einmal ein Sozialplan war konzipiert, erst später kam jemand auf die Idee, daß dies wohl unvermeidlich sei.

Alfred Nau, obwohl in Berlin, hatte nicht den Mut, sich der erregten Belegschaft zu stellen. Statt dessen schickte er seinen Vertreter, der es zunächst offenließ, ob noch die Juni-Gehälter gezahlt werden könnten. Erst gegen Ende einer stürmischen Betriebsversammlung teilte er mit, daß die Mitarbeiter des Verlages ihr Geld bekommen würden und daß ein Sozialplan ausgearbeitet werde. Alfred Nau wurde mit der Begründung entschuldigt, er habe nach Frankfurt reisen müssen, um die Illiquidität des Unternehmens abzuwenden. Der Berliner Bundestagsabgeordnete Rolf Heyen sagte dazu in der Betriebsversammlung: „Wer mit einer solchen Maßnahme vor die Belegschaft tritt, darf nicht von einem Sozialplan sprechen, sondern muß ihn bei sich haben.“

Was die Genossen sonst noch so sagten, kann sich ihr Parteivorstand hinter den Spiegel stecken: „Parteischädigendes Verhalten“, „Nacht-und-Nebel-Aktion“, „Flucht aus der Verantwortung“ – Empörung allerorten. Der Betriebsratsvorsitzende Richter erklärte, hätte von der SPD zuallerletzt eine solche skandalöse Methode erwartet. Eine Redakteurin sagte, es werde nur von der wirtschaftlichen Lage geredet: „Nie spricht man hier von Menschlichkeit.“ Franz Neumann, ehemaliger SPD-Vorsitzender in Berlin, meinte, das Recht der Kollegen werde „in skandalöser Weise mit Füßen getreten“. Schulsenator Löffler fand die Art der Einstellung des Blattes „unangemessen“. Der Berliner DGB erklärte: „Dieses Verfahren erinnert an übelste kapitalistische Unternehmerpraktiken.“ Und der Betriebsrat der Neuen Hannoverschen Presse, die ebenfalls dem von Alfred Nau verwalteten Konzern angehört, protestierte gegen die „Unternehmerselbstherrlichkeit“ des SPD-Konzerns. Selbst die immer SPD-treue Telegraf-Redaktion kritisierte zum ersten- und letztenmal die Partei: „Man hat so entschieden, wie Demokraten über andere Demokraten nicht entscheiden dürfen.“ Die Redakteure nahmen „mit Bitterkeit zur Kenntnis, daß die Partei, für die sie eingetreten sind, sie nicht mehr zu brauchen glaubt“.

Die Graphische Gesellschaft Grunewald GmbH, bei der Telegraf und Nachtdepesche am Freitag zum letztenmal herausgegeben wurden, beschäftigte rund 500 Menschen. Druckerei und Verlag sollen teilweise erhalten bleiben, so daß etwa 30 Redakteuren und 160 weiteren Angestellten und Arbeitern gekündigt wurde. Viele von ihnen, die seit zehn oder zwanzig Jahren im gleichen Haus gearbeitet haben, wissen nicht, wo sie unterkommen sollen. Umworben sind nur die ehemaligen Telegraf-Leser. Berliner Morgenpost und Tagesspiegel spendierten Freiexemplare. Die SPD-Wochenzeitung Berliner Stimme inserierte in der letzten Ausgabe des entschlafenen Blattes, sie sei „nunmehr die einzige sozialdemokratische Zeitung in Berlin“. Und die Berliner SEW-Zeitung warb: „Lesen Sie ‚Die Wahrheit‘, die die Interessen der arbeitenden Bevölkerung kompromißlos vertritt.“ J. N.