Von H. O. Eglau

Fünftausend Ostfriesen fürchten sich vor dem Herbst. Denn er soll ihnen Gewißheit bringen, ob sie auch weiterhin bei den Rheinstahl-Nordseewerken in Emden ihrer Arbeit nachgehen können. Meldungen, der Essener Stahl- und Maschinenbaukonzern werde schon Anfang August über eine Stillegung seiner Werft entscheiden, trat Rheinstahl-Generaldirektor Toni Schmücker nur mit einem vorsichtigen Dementi entgegen: „Ein solcher Schritt wird zur Zeit nicht erwogen.“

Zumindest ein Teilrückzug von der Küste dürfte den Essenern aber kaum erspart bleiben, wenn sich ihre Auftragslage nicht in allernächster Zeit verbessert. Denn seit dem Beginn des exporterschwerenden Floating im Mai vergangenen Jahres haben die Emdener Schiffbauer keinen internationalen Großauftrag mehr in ihre Orderbücher eintragen können. Niedersachsens Wirtschaftsminister Helmut Greulich, der sich um die von der Werft abhängigen Facharbeiter sorgt, hat allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß Massenentlassungen doch noch vermieden werden können: „Wir haben noch drei Monate Zeit, um Anschlußaufträge zu erhalten.“

Zwar leidet nicht nur die Rheinstahl-Werft, das viertgrößte Schiffbauunternehmen der Bundesrepublik (Jahresumsatz 1971: rund 388 Millionen Mark) unter, chronischer Auftragsebbe. Auch die führenden Konkurrenten warten seit über einem Jahr auf geschäftsbelebende Auslandsorders. Doch weder die Howaldtswerke/Deutsche Werft (Großaktionär: der Bundeskonzern Salzgitter AG), noch Blohm + Voss (Thyssen) oder die AG Weser (Krupp) bürdeten ihren Besitzern so drückende Lasten auf wie die kränkelnden Nordseewerke dem ohnehin ertragsschwachen Rheinstahl-Konzern.

Dabei lassen die in der Bilanz der Emdener Werft ausgewiesenen Verluste (von 1969–1971 rund 56 Millionen Mark) das ganze Ausmaß des Dilemmas nur annähernd erahnen. Der durch nterne Leistungsverrechnungen zugunsten der defizitären Konzerntochter und andere bilanztechnische Tricks kaschierte Verlust in dieser Zeit liegt in Wirklichkeit bei weit über 100 Millionen Mark. Ohne seine Werft und den ebenfalls in die roten Zahlen abgerutschten Hanomag-Bereich hätte Rheinstahl in diesem Jahr mindestens die 971 gezahlte Dividende von fünf Prozent ausschütten können. So aber gehen die Aktionäre liesmal leer aus.

Rheinstahl-Aufsichtsratschef Andreas Kleffel, hauptberuflich Vorstandsmitglied der Deutschen Bank („Ich muß dafür sorgen, daß der Konzern Gewinne macht“), würde sich der ungeliebten Tochter im Ostfriesischen liebend gern auf ähnlich elegante Art entledigen wie im Frühjahr die Gutehoffnungshütte von ihrer Beteiligung an der Howaldtswerke/Deutsche Werft AG (HDW). Mit viel Geschick hatte es GHH-Chef Dietrich Wilhelm von Menges (Kleffel: „Der einzig Glückliche“) verstanden, sein 50-Prozent-Paket HDW-Aktien für 54 Millionen Mark an Salzgitter zu verkaufen.

Für den Fall einer Stillegung der Rheinstahl-Werft erwartet Kleffel vor allem politischen Widerstand: „Wer die Schwierigkeiten bei der Schließung einer kleinen Gießerei in Kassel erlebt hat, weiß, was uns da bevorstünde.“ In der Tat würden nach dem Abbau der Belegschaft im Emdener VW-Werk und bei der von Japanimporten bedrohten Büromaschinenfirma Olympia in Wilhelmshaven Massenentlassungen bei den Nordseewerken „für die Wirtschaftsstruktur dieses Raumes verheerende Folgen“ haben, so Heinz Scholz, Vorsitzender des Bezirks Nordmark der IG Metall.