Ein zweites Mal gibt es ihn wohl kaum in Bonn: Ein Politiker, der viel bewirkte, doch eher hinter den Kulissen der Macht; ein Abgeordneter, der wirtschaftlich unabhängig genug ist, um Politik aus Neigung und Leidenschaft zu betreiben, nicht zum bloßen Broterwerb; ein Experte schließlich, der sich auf verschiedenen Feldern aktiver Politik aus Neugier und Fleiß auskennt wie wenige nur. Die Rede ist von Kurt Birrenbach, der dieser Tage seinen 65. Geburtstag feierte. Und die Kennmarken – fair, frei, fleißig, fachgerecht – gelten einem Manne, der als CDU-Abgeordneter oft genug auf heikle Mission geschickt wurde, wie 1965 nach Jerusalem, der sich in Washington oder in Paris so gut auskennt wie in Bonn und der als Aufsichtsrats-Vorsitzender bei Thyssen Politik als die „aufregendste Nebensache der Welt“ machen kann. Von ihm ist einmal gesagt worden, ein Tag ohne Politik sei für ihn ein verlorener Tag.

Noblesse kommt noch hinzu. Noblesse dessen, der weiß, was er ist und wer er ist: Uninteressiert an der Macht, eher darauf aus, den Mächtigen zu dienen mit seinem Wissen, seinen Kontakten, seiner Verschwiegenheit. vor allem; wenn schon, dann ist Birrenbach ein Lobbyist der Politik, gewiß nicht des Stahls, den er in Düsseldorf verwaltet. Jenen, die er berät – ob in der Außenpolitik, in Wirtschaftsfragen oder Strategieproblemen –, ist er längst unentbehrlich geworden. Adenauer hörte auf ihn, Erhard brauchte ihn, Barzel verläßt sich auf ihn. Er blieb, ein diskreter Kundschafter im politischen Geschäft, stets ein Außenseiter. Die Sache war ihm wichtig, nicht die Karriere.

Der harte Unterhändler erwies, sich freilich auch oft genug als unnachsichtiger Parteimann, häufig gerade in jüngster Zeit: als schroffer Gegner des Atomsperrvertrages und der Ostpolitik. Selbst dann aber war seine Kritik frei von billiger Ideologie, beruhte sie auf kühler Einschätzung der Situation und ihrer Wirkungen durch Kenntnis und Erfahrung. D. St.