Von Heinrich Jaenecke

In der Öffentlichkeit hat er nie reden können, nur wenige kennen ihn persönlich und doch ist er im Halbdunkel der Madrider politischen Szene eine legendäre Gestalt geworden: Marcelino Camacho, 54 Jahre alt, der einflußreichste illegale Arbeiterführer Spaniens. An seinem Schicksal läßt sich wie an einem Barometer die jeweilige politische Großwetterlage des Landes ablesen. Dieser Tage wurde Camacho, nach kurzer Freiheit, erneut festgenommen – ein untrügliches Zeichen für ein heraufziehendes Tief, dessen Ausläufer sich allerorten ankündigen.

Seit den Schüssen von El Ferrol im März dieses Jahres, als die Polizei das Feuer auf demonstrierende Arbeiter eröffnete, ist es nicht mehr ruhig geworden in Spanien. Verhaftungen, Zeitungsverbote, Generalsäuberung an den Universitäten sind Indizien für die Nervosität des Regimes. Mit zunehmender Härte versucht es, der wachsenden Opposition und der Kritik in den eigenen Reihen Herr zu werden.

Die erneute Verhaftung Camachos kann für ihn selber kaum eine Überraschung gewesen sein. Der kleine, eher schmächtige Mann hat stets „auf Messers Schneide“ gelebt. Im Bürgerkrieg kämpfte der gelernte Fräser, damals Mitglied der sozialistischen Gewerkschaft UGT, auf republikanischer Seite, tauchte nach dem Fall Madrids unter, wurde 1940 verhaftet, zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt und in ein Arbeitslager nach Spanisch-Marokko deportiert. 1943 gelang ihm die Flucht ins benachbarte Algerien. Erst 1957 kehrte er, inzwischen amnestiert, nach Spanien zurück. Er trat in die Motoren-Fabrik „Perkins“ in Madrid ein und begann damit seine zweite politische Laufbahn.

Camacho, der im Exil zur Kommunistischen Partei gestoßen war, baute zusammen mit einigen Genossen die ersten „Arbeiter-Kommissionen“ auf, jene De-facto-Gewerkschaften, die bald stärker wurden als die offiziellen Pseudo-Syndikate. Spanien erlebte damals die ersten großen Massenstreiks seit dem Bürgerkrieg. Das Regime sah sich gezwungen, die Arbeiter-Kommissionen zeitweilig als Gesprächspartner zu akzeptieren, da viele ihrer Führer, darunter ihr Gründer Camacho, zugleich gewählte Vertreter der offiziellen Betriebssyndikate waren. So kam es, daß Marcelino Camacho mit dem Falange-Minister Solis am Verhandlungstisch saß.

Nachdem es Anfang 1967 zur bislang größten Arbeiterdemonstration gekommen war – 10 000 Mann mit Camacho an der Spitze marschierten ins Zentrum von Madrid –, kehrte das Regime zur Gewalt zurück. Camacho wurde verhaftet, die Kommissionen weitgehend zerschlagen. Im März dieses Jahres wurde Camacho entlassen.-Er hatte sich ein Herzleiden zugezogen, aber von seiner Vitalität schien er nichts verloren zu haben. In den fünf Jahren seiner Haft hatten sich die Arbeiter-Kommissionen reorganisiert, es gab mehr Streiks denn je, und es gab die ersten konkreten Ansätze zu einer Anti-Franco-Koalition der Opposition. Camacho sah seinen Optimismus beflügelt: „Die Wachablösung des Regimes ist unausweichlich, wenn die Opposition sich eint.“

Er hat seit langem direkten Kontakt zur nichtmarxistischen Opposition und genießt bei den liberalen hohes Ansehen. Sein Anwalt ist Professor Ruiz-Gimenez, einst Francos Erziehungsminister, heute führender Kopf der (illegalen) Christlichen Demokraten. Doch eine förmliche Allianz, wie die Kommunistische Partei sie vorgeschlagen hat, scheiterte bisher am Nein der bürgerlichen Opposition.