Camacho möchte nicht als Sprecher der illegalen spanischen KP gelten, deren Generalsekretär Santiago Carillo in Paris residiert, sondern als Repräsentant der "neutralen" Arbeiter-Kommissionen. Doch fraglos gibt Camacho in politischen Fragen den Standpunkt der Partei wieder, die ihre eigene blutrote Vergangenheit zu überwinden sucht. "Wir können nicht vom Faschismus zum Sozialismus springen", sagt er, "wir müssen zuerst von der Diktatur zur Freiheit kommen. Schenken wird uns niemand etwas, aber wir dürfen nur mit friedlichen Mitteln kämpfen. Es darf keinen neuen Bürgerkrieg in Spanien geben."

Er selbst hat dazu beigetragen, den alten Graben zwischen Kirche und "Roten" einzuebnen. In seinen Arbeiter-Kommissionen saßen Kommunisten und Katholiken einträchtig nebeneinander. "Der Antiklerikalismus", sagt er, "kann nicht mehr Banner der Arbeiterbewegung sein, seitdem sich die Kirche von der Diktatur löst." Camacho wurde bei einem Treffen mit Arbeiter-Priestern in einem Madrider Konvent festgenommen.

Camachos kleine Zweizimmerwohnung in einer der kahlen Mietshausstraßen im Süden Madrids war seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis stets voll von Besuchern. Das Telephon klingelte wie im Büro eines überbeschäftigten Managers. Und während Camachos Frau, Mutter zweier erwachsener Kinder, in der Küche Hemden bügelte, dozierte "Don Marcelino" auf der abgewetzten Couch.

Im Bücherbord stand die ganze Aufklärungsliteratur der Arbeiterbewegung, von Voltaire über Darwin bis Victor Hugo, doch nichts von Marx und Lenin. Neben dem Plattenspieler lagen alle Symphonien Beethovens, an der Wand hingen Holzschnitte von Genossen, in spanischen Gefängnissen geschnitten. Es war alles ein wenig wie in einem Defa-Film. Niemand schien sich um die politische Polizei vor der Haustür oder um das abgehörte Telephon zu kümmern.

"Natürlich können sie mich jeden Tag wieder abholen", sagte Camacho, "aber dadurch wird es für sie nicht einfacher. Und außerdem: Sehr lange kann es ja nicht mehr dauern". In diesem letzten Punkt allerdings sind selbst viele Genossen Camachos anderer Meinung.