Von Dieter Piel

Bonn, im Juli

Das Lächeln täuschte. Willy Brandt und Karl Schiller, die sich mit freudigem Gesichtsausdruck die Hände reichten, ehe sie sich zur Begrüßung des französischen Staatsgastes Georges Pompidou in Positur stellten, spielten eine Szene für das Publikum. In Wahrheit war der Bundeskanzler, so versicherten seine Berater, über das bis dahin schon fünf Tage währende Rücktrittsgezauder seines Wirtschafts- und Finanzministers auf das äußerste empört. Und Karl August Schiller, nach fast sechs Jahren wohl zum letzten Male Star der Bonner Ereignisse, war immer noch zutiefst beleidigt.

In der letzten Bonner Schiller-Woche häuften sich die Situationen, in denen sich der Ernst ins Lächerliche verkehrte, ohne daß auch nur einer der Akteure lachen mochte. Da blieb Schiller, am Morgen nach seiner vernichtenden Niederlage im Kabinett, schmollend zu Hause im Bonner Stadtteil Endenich und las in der Presse, wie seine Rücktrittsdrohungen der Öffentlichkeit serviert wurden. Am Nachmittag aber, als alles auf seine endgültige Demission wartete, eilte er in sein Ministerium, um vom Sachverständigenrat der „Fünf Weisen“ ein Sondergutachten „zur währungspolitischen Lage im Juni 1972“ entgegenzunehmen.

Am folgenden Sonntag schickte er zur Vorbesprechung der deutsch-französischen Konsultationen seinen Staatssekretär Rohwedder und animierte Springers Welt am Sonntag zu der hoffnungsfrohen Frage, ob er sich denn nun „offen gegen Brandt“ stelle.. Tags darauf aber, als ihn viele schon nicht mehr zum Treffen mit den Franzosen erwarteten, erschien er mit strahlender Miene. Er habe sich, so ließ er mitteilen, auf das Treffen mit seinem Pariser Kollegen Giscard d’Estaing gründlich vorbereitet.

Schiller verblüffte außerdem die Krisenbeschauer mit der Ankündigung, daß er höchstpersönlich auch den sowjetischen Außenhandelsminister Nikolai Patolitschew empfangen und mit ihm den deutsch-sowjetischen Handelsvertrag unterzeichnen werde. Dabei hatte er sechs Tage zuvor noch unterzeichnen lassen: Die Rechtsverordnung, wonach deutsche festverzinsliche Wertpapiere nicht mehr an Ausländer verkauft werden dürfen, trägt die Unterschrift seines Kabinetts-Stellvertreters Genscher. Er selbst, so hatte Schiller trotzig sagen lassen, wolle „das Ding“ nicht absegnen.

Der Rücktritt auf Raten, das Schauspiel der Unentschlossenheit, zerrte an den Nerven. Im Kanzleramt fand man das Verhalten des Doppelministers „einfach ungeheuerlich“. Man drängte Willy Brandt, er möge Schiller doch von sich aus entlassen, um nicht mit jedem weiteren Tage des Wartens mehr Terrain an die Opposition zu verlieren. Er dürfe nicht länger dulden, daß Schiller ihn durch Schweigen beschäme, daß Frau Etta über die Absichten ihres Gemahls besser informiert sei als der Kanzler, daß einige Journalisten mehr erführen als der Chef der Regierung.