Nono-Uraufführung an der Mailänder Scala

Von Wolfgang Becker-Carsten

Am Anfang stehen tiefe, dunkle Tontrauben aus Streicherklängen über einem statischen Geräuschfeld, das aus Lautsprechern erklingt. Der Klanggrund entpuppt sich bald als ein Geflecht von unzähligen Vokalstimmen, das sich zu einem riesenhaften, imaginären Chor auffächert. Aus dem lyrischen Stimmengeflecht wird ein Name verständlich, der Name eines jungen chilenischen Revolutionärs: Luciano Cruz.

Luigi Nono sieht in seiner Komposition mit dem emphatischen Titel „Wie eine Woge aus Kraft und Licht“ einen Teil des Klassenkampfes gegen die Repressionen der kapitalistischen Gesellschaft. Immerhin hat diese Gesellschaft die Uraufführung mit dem Glanz eines ihrer prunkvollsten Musiksalons dekoriert: der Mailinder Scala, dem Galapublikum eines regulären Abonnementkonzerts in der Stagione sinfonica und ersten Stars des internationalen Musiklebens wie der Sopranistin Slavka Taskova, dem phantastischen Pianisten Mauricio Pollini und dem Dirigenten Claudio Abbado.

Nun hat Politik in der Musik ihre eigenen Probleme. Sie beginnen damit, daß Musik allein nicht imstande ist, eindeutig ihr Engagement auszusprechen. Sie bedarf dazu der Unterstützung der Sprache; etwa eines Titels, der zumindest das Thema verständlich machen kann, oder eines gesungenen Textes, der den Appell der Musik ausspricht. Wie weit sich dieser Appell dann in musikalischen Konfigurationen selbst darstellen läßt, ist kaum eindeutig zu beantworten.

Luigi Nono kennt dieses Problem seit seinen frühesten Werken, in denen Politisches noch mehr oder weniger verborgen war. In den neuesten Kompositionen ist es immer mehr in den Vordergrund getreten und zum eigentlichen Thema geworden. Musik ist seitdem für Nono immer deutlicher bezogen auf eine konkrete geschichtliche Situation.

In seiner konzertanten Kantate ist dieses konkrete Thema der Tod des jungen chilenischen Revolutionärs Luciano Cruz, den Nono auf zwei Chile-Reisen kennengelernt hatte. Cruz ist im August vergangenen Jahres im Alter von siebenundzwanzig Jahren unter mysteriösen Umständen verunglückt. Einen Nachruf des argentinischen Dichters Julio Huasi hat Nono als Text seiner Komposition benutzt, wenige Gedichtszeilen, die von der Faszination eines jungen Revolutionärs sprechen, vom Schmerz über seinen Tod und dem Appell an das Leben, der von ihm ausgeht. Es ist das zentrale Thema Luigi Nonos, das seit dem Bühnenwerk „Intolleranza“ in allen seinen Werken wiederkehrt, in den Hiroshima- und Auschwitz-Musiken ebenso wie in seiner letzten Komposition mit dem Titel ‚Ein Gespenst geht um“: der Protest gegen die Gewalt, die Trauer über die Zerstörung des Lebens,