Von Bernd C. Hesslein

Die Weltuntergangsuhr geht zurück: von zehn Minuten vor zwölf auf zwölf Minuten vor dem Jüngsten Gericht. So jedenfalls sehen es die apokalyptischen Zeitnehmer der amerikanischen Zeitschrift Science and Public Affairs. Ihre Zuversicht stützt sich auf das jüngste. Rüstungsbegrenzungsabkommen (SALT = = Strategie Arms Limitation Talks) der beiden Nuklear-Großmachte Amerika und Sowjetunion. So könnten wir also hoffen? Die atomare Selbstzerstörung, seit drei Jahrzehnten das weltpolitische Damoklesschwert, scheint abwendbar. Die Zeit läuft nicht ab, auch wenn wir mit der Bombe leben, sogar recht gut leben, denn Gewöhnung ist alles.

Solch pragmatischer Optimismus wird jedoch alle Jahre wieder – nun schon zum dritten Male – durch eine Veröffentlichung gestört, die nach dem Bekenntnis ihrer Autoren eine deprimierende Lektüre ist:

„SIPRI Yearbook 1972“; hrsg. vom Stockholm International Peace Research Institute; Almquist & Wiksell, Stockholm; 611 S., US $ 15, Sw. Kr. 75

Sie zeigen nicht nur das gefährliche Ungleichgewicht zwischen Rüstung und Abrüstung und belegen es mit akribisch gesammelten Fakten und Zahlen. Sie machen auch unmißverständlich klar, auf welch raren Voraussetzungen die Friedenshoffnungen dieser Welt ruhen: auf Einsicht und Verzicht der Staaten und ihrer Lenker. Aller übrigens. Nicht nur der Großen, die mit viel Panzer und wenig Hirn einer Sicherheitsvorstellung Milliardentribut zahlen, obschon sie einer offenen, mehrpoligen und voneinander abhängigen Welt entgegensteht. Noch im letzten Junta-Staat findet diese Konzeption unbeholfene und gefährliche Nachahmer.

Zum Beispiel Amerika: Nach seiner Rückkehr aus Moskau ließ sich Präsident Nixon vor dem Kongreß als provinzieller Nationalist vernehmen: „Keine Macht der Erde ist heute stärker als die Vereinigten Staaten von Amerika. Und keine wird in Zukunft stärker sein als die Vereinigten Staaten von Amerika.“ Und doch hatte Richard Nixon Zugeständnisse an die Nr. 2 der Atommächte gemacht. Wie anders auch hätte die SALT-Vereinbarung zustande kommen sollen?

Zum Beispiel Sowjetunion: Im Ostblock ließ sich der Kreml als die führende Friedensmacht feiern, deren großzügige, auf Sicherheit und Ausgleich gerichtete Verhandlungsführung diesen ersten Interimsvertrag über die strategischen Offensiv- und Abwehrwaffen ermöglicht habe. Und doch hat die Sowjetunion das bilaterale Abkommen mit der Drohung der Nichtigkeitserklärung belegt, falls etwa die atomaren Nato-Partner Frankreich und Großbritannien die Zahl ihrer Raketen-U-Boote über insgesamt neun erhöhen.