Von Gabriele Venzky

In Simla ist die Tür zum Frieden auf dem indischen Subkontinent einen kleinen Spalt breit aufgestoßen worden, mehr nicht. Aber Indiens Ministerpräsidentin Indira Gandhi und Pakistans Präsident Zulfikar Ali Bhutto haben diese Tür offen gelassen; das ist schon viel. Der Mann, der einst mit der Wahlparole vom "tausendjährigen Krieg" gegen den Erzfeind Indien durch das Land gezogen war und mit dem Versprechen, in der Schicksalsfrage der Nation – Kaschmir – kein Entgegenkommen zu zeigen, war als Repräsentant der Besiegten in den kleinen Himalaja-Ort gekommen. Dennoch trat er auf wie ein Sieger. Indira Gandhi, die glaubte, daß allein ihre Trümpfe stechen würden, mußte das hinnehmen. Ihr ist es freilich auch ernst mit dem Ausgleich. Sie schickte Bhutto nicht als Gedemütigten nach Rawalpindi zurück, riskierte nicht den Abbruch der Konferenz.

Für Pakistan ist Bhutto der Garant eines neuen Selbstvertrauens, für Indien ein Garant der Waffenruhe, zumindest während eines überschaubaren Zeitraums. Indira Gandhi kann wenig daran gelegen sein, gemeinsame Sache mit denen zu machen, die den pakistanischen Präsidenten einen Verräter und seine Friedensbemühungen Verzichtpolitik nennen. Für Indira Gandhi zahlt sich Bhuttos Galgenfrist aus.

Darum lenkte sie in letzter Minute ein und bestand nicht länger auf ihrem ursprünglichen Plan einer "Paketlösung": diplomatische Anerkennung von Bangla Desh und Annexion der von indischen Truppen in Kaschmir besetzt gehaltenen 1248 Quadratkilometer für die Herausgabe der 93 000 pakistanischen Kriegsgefangenen. Sie ging vielmehr auf den von Pakistan vorgeschlagenen Stufenplan zur Beilegung des Konfliktes ein. Das Ergebnis: Sechs Prinzipien zur friedlichen Koexistenz, die erstmals Chancen haben, in die Tat umgesetzt zu werden, da sie direkt zwischen den beiden Staaten ausgehandelt wurden.

Indira Gandhi ging sogar noch einen Schritt weiter. Sie willigte ein, daß noch vor einem neuen Gipfeltreffen über die Rückkehr der Kriegsgefangenen verhandelt wird – und zwar über alle Gefangenen, also auch über jene 1500, die Mujibur Rahman für Kriegsverbrecherprozesse beansprucht. Vom unsichtbaren Dritten indessen war am Konferenztisch von Simla nicht die Rede: von Bangla Desh. Noch in der vergangenen Woche wurden die Inder nicht müde, die gemeinsame Verantwortung Daccas und Neu-Delhis für den Frieden hervorzuheben. Nun aber nimmt es Indira Gandhi sogar gelassen hin, daß Bhutto wieder stärker zögert, die neue Volksrepublik anzuerkennen.

Indien hat den Rücken im Osten freibekommen. Darum kann es sich auch mit der Regelung des strittigsten Problems Zeit lassen, der Kaschmir-Frage. Die Verhandlungspartner einigten sich erst einmal darauf, ihre Truppen auf die Vorkriegsgrenzen zurückzuziehen und auf die Drohung oder Anwendung von Gewalt zu verzichten. So weit allerdings war man auch 1966 in Taschkent schon einmal gewesen, und dennoch folgte fünf Jahre danach der größte und bisher folgenschwerste Waffengang. Die Tatsache, daß Indien bereit ist, 12 850 Quadratkilometer besetzten Gebietes – vor allem in Sind und Punjab – zu räumen, heißt nicht, daß sich in Kaschmir etwas ändert. Dort bleiben die indischen Truppen in ihren vorgeschobenen Stellungen.

Ob das Kaschmir-Problem gelöst wird, gibt den Ausschlag für Krieg oder Frieden auf dem Subkontinent. Hier werden die Inder hart bleiben. Das politische Schicksal des pakistanischen Präsidenten aber ist unlösbar mit dem Fortgang der Verhandlungen verbunden. Bhutto, der selber einmal gesagt hat, daß beide Staaten eigentlich zu arm seien, um sich Kriege leisten zu können, wird sich darüber klarwerden müssen, wie lange er sich noch starke Worte leisten kann und wie lange es noch opportun ist, zu verkünden, er werde in Kaschmir keine Kompromisse schließen. Indien hat den letzten Krieg gewonnen. Pakistan wird das akzeptieren müssen.