Von Petra Kipphoff

Im Victoria-Haus in der Kasseler Innenstadt, in dem die emsigen Kunsthändler des Kölner Galerien-Hauses für die documenta- Dauer eine Dependance eingerichtet haben, hängt ein documentagemäß neurealistisches Bild von Harald Szeemann, dem Generalsekretär der documenta 5: Da sitzt er, eine frohe Wikinger-Figur, an einem Schreibtisch voller Kataloge, Manuskripte, Zeitungen, irgendwo steht auch eine Schale mit Äpfeln, eine Flasche Whisky.

Wer Szeemann kennt, erkennt ihn gut auch auf diesem nicht eben exzellenten Werk des documenta-Teilnehmers Franz Gertsch. Wer Szeemann kennt, muß ihn schon ganz gut kennen, um ihn selber noch zu erkennen, dieser Tage in Kassel: zwei Jahre Arbeit für die documenta haben aus ihm den Schatten seines Schattens gemacht. Und wenn der Besucher sich dann selber die diesige Kunstschau erwandert hat, treppauf und -ab ist durch das Fridericianum und die Neue Galerie, Gebäude, die jedes für sich die Dimension eines mittleren Museums haben, dann wird ihm aus eigener Konsumenten-Erschöpfung der Verschleiß des Veranstalters mühelos vorstellbar. Dies ist eine Veranstaltung jenseits aller Veranstaltungen.

Sie ist, wie kein anderes Kunst-Ereignis unserer Tage, unserer Jahre, ein Anlaß für Bull und Bravo, für Schimpf und Lobpreis, für Katzenjammer und Euphorie. Denn die documenta ist wie kein anderes Kunst-Ereignis unserer Tage, unserer Jahre. Und die fünfte ihrer Art, die am vergangenen Wochenende in Kassel begonnen hat (und bis zum 8. Oktober zu sehen sein wird), ist es noch mehr als ihre vier Vorgängerinnen.

In der hessischen Mittel-Großstadt Kassel wird mit einer Intensität, einem Aufwand und in einem Radius Kunst (einschließlich der Bereiche, in die sie sich zerfranst) gezeigt und veranstaltet wie sonst nirgendwo auf dieser Welt. Und wer das genießen oder sich darüber empören oder sich auch nur informieren will, der muß es schon machen wie die Künstler, Kunsthändler, Museumsdirektoren und privaten Kunst-Liebhaber aus New York und Paris, Stockholm und Mailand; der muß nach Kassel zur Arbeit und nicht etwa auf Urlaub gehen.

Die documenta 5 hat, anders als die documenta 1 bis 4, ein Programm, einen Anspruch, der es zwangsläufig mit sich brachte, daß aus dem früheren „100 Tage Museum“ ein „100 Tage Ereignis“ wurde und daß die früher dominierende Frage nach Kunst oder Nicht-Kunst an Interesse verlor. Die Aufgabe einer heute weniger denn je haltbaren Position (und zu einer solchen ist der Versuch, einen exakten Kunst-Beweis zu liefern, mehr und mehr geschrumpft) zugunsten eines Programms der Demonstrationen war ein ebenso konsequenter wie realistischer Entschluß von Harald Szeemann und die entscheidende Tat für die documenta 5 überhaupt, der Versuch, „nicht zu bevormunden, sondern zu vermitteln“.

„Ob es wohl gelingt?“ Die Szeemann-Frage können erst die 100-Tage-Besucher beantworten, und hier würde sich wirklich ein Einsatz der Demoskopen lohnen. Werden sie (das wäre der schönste documenta- Lohn für Szeemann, den Ziehvater der Ereignis-Kunst) mitspielen, Konzepten nachdenken und träumen, Identifizierungsmöglichkeiten sehen im Hippie-Traum-Zelt von Michael Buthe oder in der Photo-Dokumentation in eigenbiographischer Sache von Christian Boltanski? Werden sie (dann hätten sie das erkenntnistheoretische Klassenziel erreicht) die Verschiebungen und Verflechtungen der drei veranstaltungsgemäß geteilten „Bildwelten heute“ (1. Die Wirklichkeit der Abbildung, 2. Die Wirklichkeit des Abgebildeten, 3. Die Identität oder Nichtidentität von Abbildung und Abgebildetem) erkennen und ihre eigene Situation im Chaos des Multi-Media-Zeitalters klarer sehen? Oder werden sie, Konsument bleibt Konsument, sich betören lassen von dem fragilen Zauber der kleinen Bild-Kästen des Joseph Cornell, sich amüsieren in Claes Oldenburgs possierlichem „Maus-Museum“, sich verstören lassen durch Ed Kienholz’ Kastrationsszene? Oder werden sie verzweifeln, resignieren, sich verkauft vorkommen, in die Lücke fallen zwischen Programm und Kasseler Realität, zwischen Veranstalter und Künstler?