Hamburg

Vor dem Rathaus des niedersächsischen Landstädtchens Buxtehude dröhnte die Stimme des Primaners Matthias Bauermeister aus dem Lautsprecher: „Wir haben lange genug gebeten, jetzt fordern wir mehr Lehrer!“ 800 Mitschüler unterstützten ihren Sprecher lautstark und im Chor: „Die Raumnot muß weg!“ und schwenkten Transparente: „Jeder hat ein Recht auf Bildung – Wir auch.“

Ihr Recht auf Bildung ist bedroht. Statt in den Unterricht zu gehen, streikten die Schüler deshalb am Dienstag letzter Woche und zogen auf die Straße. Sie wollen „mehr lernen“, so Bauermeister, aber das können sie nicht, denn um ihre Schule steht es schlecht, erläutert Direktor Ulrich Uffrecht: „Hier wird im nächsten Schuljahr nur noch ein Notabitur möglich sein“ – so viele Lehrer und Klassenräume fehlen.

Unterstützt werden die unzufriedenen Schüler von ihren aufbegehrenden Eltern. Am Montagabend beschlossen sie selber zu demonstrieren. Mit zwanzig Bussen wollen etwa 800 Mütter, Väter und ältere Schüler nach Hannover vor das Landtagsgebäude fahren, um die Landesregierung zu größerer Fürsorge zu bewegen und dem Kultusminister Peter von Oertzen „kräftig am Barte zu zupfen“, wie der Buchhändler Winfried Ziemann meint.

Beides wird wohl wenig nützen. Oertzen möchte den Buxtehuder Gymnasiasten durchaus helfen und will „schnellstens Abhilfe schaffen“, wie er sagt. Aber woher die Lehrer kommen sollen, ist noch ungewiß, der Markt ist leer.

Ins Leere ging auch der Streik der Schüler, mit dem sie von der Stadt Buxtehude, die als Trägerin der Schule für das Raumprogramm verantwortlich ist, mehr Klassenzimmer erzwingen wollten. Die sozialliberale Rathaus-Mehrheit will durchaus bauen, aber sie hat sich mit guten Gründen für ein Kommunal-Programm entschieden, nach dem das Gymnasium noch lange warten muß. Zuerst soll ein neues Schulzentrum mit Haupt- und Realschule und einer gymnasialen Mittelstufe errichtet werden.

Buxtehude, vor den Toren Hamburgs gelegen, ist durchaus ländliche Provinz: 25 000 Einwohner, Kopfstein-Holperpflaster, kein Theater, zwei Kinos. Das Gymnasium freilich zählt zu den bekanntesten Oberschulen im ganzen Bundesgebiet zwischen Flensburg und Konstanz. Ein pädagogischer Wallfahrtsort – nicht nur für Bildungsplaner: Ins Gästebuch der Schule trugen sich die Bundeskanzler Adenauer, Kiesinger und Brandt ein. Dort stehen auch die Namen von Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt, von Hardy Krüger, Will Quadflieg und Rudi Dutschke zwischen Schriftzügen aus Japan, Südafrika und China.