DIE ZEIT

Koreanischer Brückenschlag

In Korea, wo der kalte Krieg am kältesten ist, soll es wärmer werden. Der 38. Breitengrad, die unüberwindlichste Grenze der Welt, an der 180 000 Nordkoreaner 250 000 Südkoreanern und 50 000 Amerikanern gegenüberstehen, soll durchlässiger werden.

Panikmache

Einige rechte Flügelmänner der Union argumentieren gegenwärtig, als hätten sie ihr politisches Handwerk bei den Linksradikalen gelernt.

Gipfel im Nebel

Mit einem Zitat des französischen Revolutionärs Danton warb Bundeskanzler Brandt bei seinem Gast aus Paris, Staatspräsident Pompidou, für Fortschritte in der europäischen Einigung: "Wir brauchen Mut, Mut und nochmals Mut.

Ein Fremder unter Genossen

Der einsamste Mann in Bonn“ hieß der Leitartikel, der am 6. März 1970 an dieser Stelle veröffentlicht wurde. Damals hatte Karl Schiller versucht, Steuererhöhungen durchzusetzen, war im Kabinett unterlegen und hatte zum erstenmal von Rücktritt gesprochen.

Lotsen-Last

Als die Fluglotsen im vorigen Jahr aus angeblich immateriellen Gründen bummelten, unternahm ihre vorgesetzte Dienstbehörde noch den schüchternen Versuch, einige der beamteten Verbandsfunktionäre zu disziplinieren.

ZEITSPIEGEL

„Wir können nicht länger zulassen, daß sich in unserer Gesellschaft ideologisch linksradikale Verseuchung ausbreitet, gegen die Brandt nichts unternommen hat, nichts unternehmen konnte und nichts unternehmen will.

Als Schiller seinen Hut nahm

Es war in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch dieser Woche. Ort: Schillers Zimmer im Wirtschaftsministerium zu Bonn. Die Entscheidung, man sah es ihm an, war ihm nicht leichtgefallen.

Ein Rücktritt auf Raten

Das Lächeln täuschte. Willy Brandt und Karl Schiller, die sich mit freudigem Gesichtsausdruck die Hände reichten, ehe sie sich zur Begrüßung des französischen Staatsgastes Georges Pompidou in Positur stellten, spielten eine Szene für das Publikum.

Der „harte Kern“ der Baader-Meinhof-Gruppe ist zerschlagen. 22 von 23 aktiven Mitgliedern sitzen in Untersuchungshaft. Der Erfolg wurde möglich, weil das Bundeskriminalamt die Polizeiaktionen erstmals zentral steuerte: Den Bombenlegern auf der Spur

Jedesmal, wenn eine neue Erfolgsmeldung über den Fernschreiber tickert, greifen sie, emsig wie Buchhalter und fast so pedantisch, zum roten Filzstift oder zum Kugelschreiber und ziehen ein Kreuz durch ein Gesicht; einige malen auch symbolische Gitter.

Wolfgang Ebert:: Elternsorgen

Drei Mütter klagten einander ihr Leid. „Sind Ihre auch so?“ fragte Mutter SPD. – „Wenn nicht schlimmer. Kaum zu bändigen“, gab ihr Mutter FDP Bescheid.

Frist für Bhutto

Indien und Pakistan wollen die Tür zum Frieden auf dem Subkontinent offen halten

Ein Leben in Francos Gefängnis

In der Öffentlichkeit hat er nie reden können, nur wenige kennen ihn persönlich und doch ist er im Halbdunkel der Madrider politischen Szene eine legendäre Gestalt geworden: Marcelino Camacho, 54 Jahre alt, der einflußreichste illegale Arbeiterführer Spaniens.

Skepsis in Saigon

Mit einer in vielen Kriegsjahren erprobten Gelassenheit reagieren die Südvietnamesen in diesen Tagen auf die Anzeichen einer Wende.

Das Menetekel von Miami

Die Demokratische Partei Amerikas sitzt auf einem Pulverfaß. Kurz vor ihrem Parteitag sind schwere Gegensätze aufgebrochen: zwischen dem noch immer aussichtsreichsten Anwärter auf die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten, Senator George McGovern vom liberalen Parteiflügel, und dem zur Gallionsfigur des Parteizentrums ummodellierten Senator Hubert Humphrey, dem Sprecher des starken Gegenlagers aus alten Partei-Notabeln, Kongreßmitgliedern, Gewerkschaftsführern und Gouverneuren.

Gebremste Reisewelle

Nun rollt sie wieder, die Reisewelle. Die Bundesbürger machen Urlaub. Doch der schöne Schein der Urlaubsparolen, der Plakate, Photos und Prospekte trügt: Nur jeder zweite reist in diesem Jahr in die Ferien; die Hälfte der Bevölkerung – so hat es das Statistische Bundesamt errechnet – bleibt zu Hause.

Castros neuer Kurs

Vor sieben Jahren noch verkündete Kubas bärtiger Lider maximo emphatisch: "Niemals wird Kuba zum Satelliten irgendeiner Macht herabsinken.

„Mit gleichem Mut“

Der Vatikan hat sich die Entscheidung über die Oder-Neiße-Gebiete nicht leicht gemacht

Perons Poker

Die argentinischen Politiker und Generäle haben ein neues Spiel entdeckt: „Er kommt, er kommt nicht, er kommt...“ Doch Juan Perón, seit 17 Jahren die graue Eminenz argentinischer Innenpolitik im spanischen Exil, schweigt sich noch aus.

Ein diskreter Kundschafter

Ein zweites Mal gibt es ihn wohl kaum in Bonn: Ein Politiker, der viel bewirkte, doch eher hinter den Kulissen der Macht; ein Abgeordneter, der wirtschaftlich unabhängig genug ist, um Politik aus Neigung und Leidenschaft zu betreiben, nicht zum bloßen Broterwerb; ein Experte schließlich, der sich auf verschiedenen Feldern aktiver Politik aus Neugier und Fleiß auskennt wie wenige nur.

Prag mauert weiter

Auch nach dem fünften Erkundungsgespräch kam zwischen Prag und Bonn der Brückenschlag zum eigentlichen Normalisierungsgespräch nicht zustande.

Wer will hier leben?

Als der Pfarrer Gottfried Brinkmann aus Frankfurt-Bockenheim laut um Hilfe rief, tat er es nicht von der Kanzel und nicht zu Gott.

Die unsozialen Sozis

Über Nacht eingestellt: Die SPD-eigenen Zeitungen „Telegraf“ und „Nachtdepesche“

Vogel-Fest am Rathaus

Im alten Rathaussaal stürzten sich 1300 Ausgewählte Münchner gierig auf Lachs, Forelle, Hirschrücken und Truthahn, als hätten sie schon tagelang nichts mehr zu essen bekommen.

Hilfe kaum möglich

Vor dem Rathaus des niedersächsischen Landstädtchens Buxtehude dröhnte die Stimme des Primaners Matthias Bauermeister aus dem Lautsprecher: „Wir haben lange genug gebeten, jetzt fordern wir mehr Lehrer!“ 800 Mitschüler unterstützten ihren Sprecher lautstark und im Chor: „Die Raumnot muß weg!“ und schwenkten Transparente: „Jeder hat ein Recht auf Bildung – Wir auch.

US-Wahlkampf: Demokraten uneins

George McGovern, Senator aus Süddakota, ist in seinem Siegeslauf zur Präsidentschaftskandidatur der Demokraten empfindlich gebremst worden.

USA: Keine Todesstrafe

Mit der knappen Mehrheit von fünf gegen vier Stimmen hat das Oberste amerikanische Bundesgericht am Donnerstag voriger Woche entschieden, daß die Vollstreckung der Todesstrafe in ihrer heute in den Vereinigten Staaten üblichen Form gegen die Verfassung verstoße und nicht verhängt werden dürfe.

Krisenherde der Woche

Die Pariser Vietnam-Gespräche werden am 13. Juli wieder aufgenommen. In seiner ersten Fernseh-Pressekonferenz seit 13 Monaten gab Präsident Nixon am Freitag vergangener Woche bekannt, daß er sein Angebot – Abzug aller Streitkräfte vier Monate nach einer Waffenruhe und Rückkehr der Kriegsgefangenen – aufrechterhalte, aber nicht daran denke, Saigon eine Koalitionsregierung aufzwingen zu lassen.

Europa stand im Mittelpunkt

Ohne Nennung eines genauen Termins für die geplante europäische Gipfelkonferenz, aber mit der Zusicherung von Staatspräsident Pompidou, daß eine derartige Konferenz „wünschenswert“ sei, ist das zweitägige deutsch-französische Konsultationstreffen am Dienstag zu Ende gegangen.

„Denkpause“ vereinbart

Auch die fünfte Runde der deutschtschechoslowakischen Konsultationen, die am Donnerstag voriger Woche nach siebenmonatiger Pause in Prag wiederaufgenommen wurden, hat kein Ergebnis gebracht.

Schiller bittet um Entlassung

Die Krise um das britische Pfund hat eine Krise in Bonn ausgelöst. Bundeswirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller hat Bundeskanzler Brandt einen fünfseitigen Brief geschrieben und ihn darin um seine Entlassung mit Wirkung vom Freitag dieser Woche gebeten.

SEATO: Streit um Reform

Die 17. Jahreskonferenz des Südostasien-Pakts (SEATO), die Mitte voriger Woche in der australischen Hauptstadt Canberra eröffnet wurde, begann mit einem Eklat und endete zwei Tage später mit einem handfesten Krach.

Korea: Vor der Einigung?

Nord- und Südkorea haben nach zwei Monaten geheimer Verhandlungen Schritte zu einer Wiedervereinigung der geteilten Halbinsel beschlossen.

Dokumente der ZEIT

Was nun die Lage an der Verhandlungsfront anbetrifft, so befinden wir uns keineswegs in einer Position, in der wir kein positives Angebot zu machen hätten: Wir haben vielmehr ein sehr konstruktives Angebot gemacht – ein Angebot, daß wir bei einer ganz Indochina umfassenden Waffenruhe, bei Rückkehr aller Kriegsgefangenen und bei Unterrichtung über alle im Krieg Vermißten alle militärischen Tätigkeiten in Indochina einstellen und alle noch dort stationierten Amerikaner innerhalb von vier Monaten abziehen würden.

Für und gegen: Argumente

Zwar sieht auch L. ein, daß Autogurte Leben retten, konzediert Leser Dr. M..................................................

Heiß und kalt in Kassel

Im Victoria-Haus in der Kasseler Innenstadt, in dem die emsigen Kunsthändler des Kölner Galerien-Hauses für die documenta- Dauer eine Dependance eingerichtet haben, hängt ein documentagemäß neurealistisches Bild von Harald Szeemann, dem Generalsekretär der documenta 5: Da sitzt er, eine frohe Wikinger-Figur, an einem Schreibtisch voller Kataloge, Manuskripte, Zeitungen, irgendwo steht auch eine Schale mit Äpfeln, eine Flasche Whisky.

Plüsch und Politik

Manche waren offensichtlich nur seinetwegen in Berlin. Seine Filme sind von einer Perfektion, Romantik, Dynamik und Heiterkeit, die jeden mitreißt.

Uni-Demokraten

Warum sich die Professoren vom „Bund Freiheit der Wissenschaft“ so erregten, war nicht einzusehen. Sie hatten, so wurde berichtet, in den Funkhäusern schon vorsorglich Sendezeit beantragt, um auf die Angriffe ihrer progressiven Kollegen zu antworten.

ARGUMENTE fürund gegen: Numerus clausus

Der Numerus clausus stammt aus den Zeiten, als die Amtssprache der Universitäten noch das Lateinische war, heißt wörtlich „geschlossene Zahl“ und bedeutet, daß eine Universität für einige oder für alle Fächer Quoten festlegt: mehr Studenten können nicht aufgenommen werden.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Außer den Grateful Dead und Poco spielte keine andere Country-Rock-Band ihre Mischung aus Bluegrass- und Country-Music, Rock ’n’ Roll und Memphis Soul so professionell, so originell und mit solcher Virtuosität wie die Flying Burrito Brothers.

ZEITMOSAIK

Die Filmförderungsanstalt (FFA), schlicht und zutreffend „Schnulzenkartell“ genannt, bewegt wieder einmal die Gemüter. Das Bundeswirtschaftsministerium hat den Entwurf einer zweiten Novelle des unseligen deutschen Filmförderungsgesetzes vorgelegt, der im letzten Augenblick im Kabinett gestoppt wurde.

FILMTIPS

„W. R. – Mysterien des Organismus“, von Dusan Makavejew, der einen „Film mit und über die Ideen Wilhelm Reichs“ drehen wollte und eine freche, sarkastische, oft übersprudelnde Montage daraus gemacht hat, mit historischen Aufnahmen und Bildern, Hintergrundinformationen, fiktiven Sequenzen und Reportagen über Reichs politische Verfolgung und frenetische Rezeption in den USA.

Kunstkalender

Wilm Falazik rief, und fast alle kamen. 80, darunter prominente, deutsche Künstler produzierten das geforderte Heidebild. Viele sind heute glücklich, wenn ihnen ein Thema, irgendein Thema an die Hand gegeben wird.

Walter Benjamin 80

So wäre er denn erst achtzig geworden – der Schriftsteller Walter Benjamin, der sich im September 1940 auf der Flucht vor der Gestapo in den Pyrenäen das Leben nahm – eine der genialsten Erscheinungen deutsch-jüdischen Geistes in diesem Jahrhundert, heimisch in den Gefilden von Philosophie und Literatur, von Kunst und Psychologie, von Sprache und Geschichte, ein Meister der kleinen Form, einfühlsamer Übersetzer von Proust und Baudelaire, dennoch lange Zeit ein Mann von "skandalöser Unbekanntheit" (Bloch), obgleich in den zwanziger, dreißiger Jahren nicht wenige Deutsche seine Essays und Rezensionen in Zeitungen, Zeitschriften und Illustrierten bewundernd gelesen oder sich an seinen Rundfunk-Hörmodellen ergötzt hatten, der Vergangenheit entrissen erst dank dem unermüdlichen Eifer seines Freundes Theodor Adorno, bis ihn die studentischen Rebellen der Neuen Linken wieder entdeckten, die in ihm den revolutionären Theoretiker sehen (der er auch gewesen ist).

Rückblick auf die Apokalypse

Noch gestern war die Bombe flammende Aktualität. Eine von Intellektuellen geführte, aber weit über den engen Kreis aktivistischer Geistigkeit hinauslangende Bewegung internationaler Reichweite war nicht ganz ohne Erfolg bemüht, der Welt ihre tödliche Gefahrenkondition bewußt zu machen.

KRITIK IN KÜRZE

„Religion und Sexualität“, von Demosthenes Savramis. Daß Freude am Geschlechtstrieb und sexuelle Befriedigung wichtige Voraussetzungen seien für die Harmonie der Gesellschaft; daß Sexualität und Religion keineswegs natürliche Widersacher seien, wie eine vermeintlich christliche Moral uns lehrt: das sind die beiden Grundthesen des Autors.

Literaturwissenschaft: Texte und Editionen

Da wird zum Beispiel in einer gescheiten Arbeit von Caroline Spurgeon („Shakespeares Imagery and what it teils us“) Textstelle um Textstelle untersucht, gleich ob vom Herausgeber nur erschlossen oder zweifelsfrei authentisch; T.

Ein Anschein von Seriosität

Eine kleine Show mit Tempo, Charme, Witz, Phantasie, in ihrer Art vollendet – von wem kann man das sagen? Von Don Lurio, einem schwarzhaarigen, von Wuchs kleinen, zierlich gebauten, drahtigen Tänzer aus New York.

Theater im Diskussionssumpf

Das Gespräch war von bald diskreter, bald offenkundiger Ärgerlichkeit. Dem Gesprächsleiter August Everding war schon anläßlich einer früheren Diskussion in dieser Reihe, die sich „Theater in der Kritik“ nennt, Manipulation bei der personellen Besetzung der Runde vorgeworfen worden.

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