Nun ist schon einige Zeit vergangen, seit unser deutsches Publikum beim Finale der Europa-Meisterschaft in Brüssel so schlecht abschnitt wie unsere Nationalmannschaft gut. Jeder Europäer, der das Spiel im Fernsehen verfolgt hat, wird allerdings zugeben, daß auch er die allermeiste Zeit kein Russe zu sein wünschte. Kein einziges Tor! Aber gegen Ende des Spiels wollten viele Deutschen auch keine Deutschen mehr sein. Jedenfalls mußte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man die deutschen Zeitungen las. Diese haben sich über unser Publikum ja noch viel mehr aufgeregt, als es die ausländischen Blätter taten.

Darüber ist einiges zu sagen.

Wenn deutsche Zeitungen das deutsche Publikum so bitterlich tadeln, handelt es sich um Nestbeschmutzen. Es gibt ja Leute, die für diese Tätigkeit eine gewisse Vorliebe haben; ich auch. Aber das ist keine Entschuldigung. Unser Freund Jürgen Werner, der in seinem Bericht über das deutsch-russische Spiel in der ZEIT ebenfalls seine Publikumsbeschimpfung vornahm, ist hier nicht schuldig geworden. Er, der frühere Nationalspieler, hat sich ja nicht mit dem Publikum, sondern mit unserer Nationalmannschaft identifiziert, wozu er vollauf berechtigt ist, während ich mich leider nur mit dem Publikum identifizieren könnte, wenn es denn sein müßte.

Es sei zugegeben, daß ich im ersten Moment ebenfalls eine starke nationale Genierlichkeit empfand, als ich sah, wie sich das deutsche Publikum in den letzten Minuten verhielt. Wer noch einen Tropfen deutschen Blutes in seinen Adern hat, dem mußten diese ja zornesschwellen bei dem Anblick, wie belgische Schutzleute, die auch nicht zarter sind als unsere eigenen, sich einmischten, um Deutsche von Deutschen zu trennen. Was war denn groß geschehen?

Deutsche Menschen aus dem Publikum sind auf das Spielfeld gestürzt, weil sie die deutschen Menschen, die dort so erfolgreich agierten, umarmen wollten. Na und? Wir Deutschen sind nämlich kein kaltes, kein stures, kein phlegmatisches, wir sind ein leidenschaftliches, ein liebendes, ein enthusiastisches Volk. Wir sind ein verkanntes Volk.

Aber hätten die deutschen Enthusiasten denn nicht wenigstens warten können, bis das Spiel zu Eide war? Eben nicht! Dann wäre es zu spät gewesen. Man kann Nationalspieler nur fangen, wenn sie noch nicht in ihren Garderoben verschwunden sind. Und da Nationalspieler sehr schnell sind, muß man; rasch zupacken, solange ihnen der Sinn noch nicht nach Flucht, sondern nach dem Spiel steht. Nur so kann man die Sache ansehen, wenn man Verständnis aufbringen will.

Wenn man der belgischen Polizei allerdings das Recht zugesteht, deutsche Nationalspieler vor dem liebenden deutschen Publikum zu schützen, dann muß man bewundern, wie schnell sie reagierten, fast so schnell wie die Spieler, die beim Abpfiff haste-waste-kannste davonrannten. Beide Gruppen, Polizisten und Spieler, aber waren wohl durch die Tatsache gewitzt, daß am Anfang des Spiels die Deutschen unter dem Publikum nicht die dritte Strophe unseres Nationalliedes, sondern die erste gesungen hatten. Also nicht „Einigkeit und Recht und Freiheit“, was ja eine beherzigenswerte Parole auch für eine Fußballmannschaft und den Schiedsrichter wäre, sondern „Deutschland, Deutschland über alles!“, was ja dann auch eintrat,